Interview Thomas Lojek und Ulrike C. Tscharre

Lebensträume, mutig leben und sich selbst treu bleiben

Thomas Lojek im Gespräch mit Schauspielerin Ulrike C. Tscharre über Lebensträume, kreative Risiken und die Notwendigkeit sich Herz und Neugierde zu bewahren.

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Ulrike C. Tscharre ist neben regelmäßigen Auftritten in einflussreichen TV-Produktionen wie Tatort oder Polizeiruf 110 vor allem durch ihre Rollen als Karin Leiser in Schöne Frauen und als Polizistin Sabine Jaschke in Dominik Graf’s Mafia-Epos Im Angesicht des Verbrechens bekannt geworden.

Später folgten das TV-Drama Letzter Moment und ihre hochgelobte Rolle als Nina Hausen in Lösegeld (Nominierung für den Grimme-Preis 2012).

Zuletzt stand sie für Weniger ist mehr, Die reichen Leichen (Regie: Dominik Graf), Unterwegs mit Elsa und Stiller Abschied vor der Kamera.

Thomas Lojek ist Autor der Bücher Value Psychologie, Das geheime Muster der Liebe und Gebrauchsanleitung Mann.

Neben seiner Tätigkeit als Autor und Berater gibt er eine eigene Serie von Interviews mit bekannten Persönlichkeiten und ausgewählten Künstlern zu den Themen Kreativität, Werte, Leben und Liebe heraus.

Er lebt und arbeitet in Spanien (Costa Blanca und Teneriffa).

Lebensträume: Die Suche nach dem ganz großen Glück

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Thomas Lojek: In einem deiner letzten Filme, Unterwegs mit Elsa, gibt es in einer Szene einen Disput zwischen Mutter und Tochter.

Die Mutter will sich noch einmal einen Lebenstraum erfüllen und ein altes Hotel in Südeuropa renovieren.

Die Tochter macht sich Sorgen um die finanziellen Folgen und die persönlichen Konsequenzen dieser Entscheidung.

Wer von den beiden hat Recht?

Muss man Lebensträume um jeden Preis verfolgen?

Oder kann man in einem Leben nicht auch zufrieden den festen Boden unter den Füßen schätzen, ohne ständig die ganz großen Träume zu brauchen?

Ulrike C. Tscharre: Wie bei allen Dingen des Lebens denke ich, dass eine gute Balance wichtig ist.

Ein Lebenstraum und die Suche nach Glück, sind sicher in jungen Jahren ein ganz wichtiger Antrieb.

Um herauszufinden, wo der eigene Platz im Leben ist, muss man – denke ich – träumen, nach den Sternen greifen, das Unmögliche möglich machen wollen.

Auch in der Liebe glaube ich fest daran, dass man die Suche nach dem ganz großen Glück braucht.

Je älter man wird, umso mehr stellt man fest, dass das große Gefühl des Glücks eher einer Zufriedenheit gewichen ist. Im Idealfall.

Ich beschäftige mich selbst seit einiger Zeit mit genau dieser Frage: Was ist wichtiger, Glück oder Zufriedenheit?

Früher hätte ich ohne zu zögern das Glück als Antwort gewählt.

Dann kam eine Phase, in der ich dachte, ausgelöst durch großen Schmerz, dass schon allein Zufriedenheit mehr ist als man vom Leben erwarten darf.

Heute bin ich wieder eher bei meiner Ausgangsantwort angelangt.

Ich wähle das Glück und bin mir voll bewusst, dass man aus der großen Höhe des Glücks unendlich tief fallen kann.

Aber ich möchte, im Großen gesehen, auf dieses Gefühl der intensiven Glücksempfindung zugunsten einer gleichförmigen Zufriedenheit nicht verzichten.

Zum anderen will ich daran arbeiten, auch Zufriedenheit wertschätzen und genießen zu können.

Wenn ich sage, dass ich das Glück höher schätze als die Zufriedenheit, so heißt das nicht, dass mir nicht bewusst ist, wie wichtig Zufriedenheit im Leben ist.

Der gute Kaffee am Morgen, ein unverhofftes Lächeln, eine kleine Berührung, die Sonne im Gesicht zu haben, ein geschenkter Moment der Ruhe.

Für die Welt wünsche ich mir vor allem ein zufriedenes Grundgefühl, denn Zufriedenheit vermittelt auch Sicherheit. Und dann wünsche ich mir die Träumer, die immerzu unterwegs sind, das Glück zu finden.

Denn eine zufriedene Welt ohne impulsive Träumer stelle ich mir insgesamt eher unspannend, unbewegt, vor. Und Gesellschaft braucht Bewegung.

Jede Partnerschaft braucht Bewegung.

Wenn Zufriedenheit gleichbedeutend mit Stillstand ist, gleichbedeutend mit einem Gefühl von…

„Ach so ist mein Leben jetzt, das hatte ich mir aber deutlich anders vorgestellt, was ist denn aus all meinen Träumen geworden…? Naja, ok, dann ist das halt jetzt so?!“

… dann bin ich unbedingt für das Glück. Mit allen Risiken und Unwägbarkeiten.

Kann man dauerhaft erfolgreich sein ohne kreativ langweilig zu werden?

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Thomas Lojek: Ich frage mal ganz provokativ: Gilt deine Antwort wirklich universell?

Können erfüllte Lebensträume nicht vielleicht auch zu einem Gegenteil führen?

Dass man plötzlich aufwacht und sich dabei ertappt, dass man erfolgreich aber eben doch eingeschränkt und dass das Leben dadurch ganz anders geworden ist, als man sich das früher ausgemalt hat, weil Erfolge oder erfüllte Lebensträume durchaus auch mit gewissen Auflagen und Erwartungen verbunden sind?

Kommt für Schauspieler durch besondere Erfolge nicht auch immer eine gewisse Erwartungshaltung ins Spiel, wie man dadurch von Agenten und Castern zukünftig eingeschätzt und besetzt wird?

Im Verlagswesen kann man als Autor nicht mal eben das Genre wechseln, wenn man für eine bestimmte Art von Buch bekannt geworden ist.

Und von Musikern wie U2 und Depeche Mode erwartet man seit 30 Jahren doch im Grunde immer wieder ein typisches U2- oder Depeche Mode-Album und keinen kreativmutigen Wechsel in Punkrock oder Techno-House. Selbst wenn die Band der Meinung sein sollte, dass sie genau das jetzt einfach mal machen möchte.

Ist man als Künstler, oder als Mensch generell, nicht auch irgendwann dazu gezwungen „unspannend“ zu werden, weil man für sich herausgefunden hat, was funktioniert und was nicht?

Wie bleibt man aus deiner Sicht heraus sowohl als Mensch als auch als etablierter Künstler weiter „erfolgreich hungrig“?

Ulrike C. Tscharre: Wenn mein Lebenstraum darin besteht, in einem kleinen Häuschen irgendwo auf dem flachen Land zu leben, warum sollte ich dann nicht, auch wenn er sich erfüllt hat, weiterhin kreativ und ausgelassen leben können?

Deine Fragestellung impliziert doch, dass für einen Künstler die Erfüllung des Lebenstraumes immer mit künstlerischem Erfolg und künstlerischer Anerkennung gleichzusetzen ist.

Ich denke jedoch, dass man da unbedingt unterscheiden muss.

Es gibt für jeden wahrscheinlich persönliche und berufliche Lebensträume.

Die manchmal zusammenhängen, manchmal aber auch nicht.

Ich denke Künstler… bei mir als Schauspielerin scheue ich mich immer, mich als Künstlerin zu bezeichnen… sagen wir lieber „kreativ Schaffende“, brauchen wahrscheinlich einen starken Lebenstraum beruflicher Art.

Im Sinne von künstlerischer Anerkennung als Motor. Als Antrieb. Als Ziel vor Augen, das einen den meistens sehr steinigen Weg dann doch immer weitergehen lässt.

Es ist ja fast nie so, dass ein Schauspieler von jetzt auf gleich nur noch ganz, ganz tolle Rollen spielen darf und einen Preis nach dem andern abräumt.

Das ist manchmal bei ganz jungen Kollegen im Kinobereich zu beobachten, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, sofort „in“ sind und eine Zeit lang großen Erfolg haben.

Das halte ich aber für Zufälle, für Glück. Der normale Weg eines Schauspielers ist definitiv nicht so.

Auch bei denjenigen, die sehr jung sehr viel Erfolg haben, kann man über die Jahre beobachten, dass sie häufig genauso schnell wie sie da waren wieder weg sind.

Vielleicht, weil es sich in diesen Fällen eben nicht um die Erfüllung eines Lebenstraumes handelt, für den man lange gekämpft hat, sondern um eine Art Geschenk, das einem gemacht wird, zu dem man sich dann irgendwann verhalten muss.

Ich kann schwer beantworten, ob man sich als Künstler oder kreativ schaffender Mensch sobald sich der Erfolg einstellt nur noch in Schubladen bewegen muss.

Mein Ziel war es immer ganz klar, eben gerade keine Schubladen zu bedienen!

Mir wird ja oft eine große Melancholie nachgesagt, die ist wohl schlicht Teil meiner Ausstrahlung.

Gerade deshalb habe ich auch ab einem bestimmten Punkt gezielt versucht, gegen dieses melancholische Image zu steuern, indem ich Komödien gespielt habe, indem ich jetzt als nächstes eine sehr, sehr taffe Polizistin spiele.

Was Schubladen angeht, hat man, denke ich, immer die Wahl.

Und zu deinem Beispiel „U2“: Weißt du, was U2 in ihrem Probenraum produzieren? Vielleicht machen sie dort genau die Musik, auf die sie Lust haben? Geld verdienen sie dann später mit etwas anderem.

Also sprechen wir in diesen Fällen von wirtschaftlichen Zwängen.

Und nicht von der Erfüllung von Lebensträumen.

Traumberuf trotz 1% Erfolgsquote: Lohnt es sich mutig zu leben?

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Thomas Lojek: In der Branche „Schauspiel“ können weniger als 1% von ihrem Beruf leben. Du hast dich als Schauspielerin dagegen erfolgreich bis in die Primetime und für die Arbeit mit hoch angesehenen Regisseuren wie Dominik Graf etabliert.

Kann man da von einem erfüllten Lebenstraum sprechen? Und was hast du persönlich bisher aus deinen Rollen und über deinen Beruf über das Verfolgen von persönlichen Lebenszielen gelernt?

Ulrike C. Tscharre: Im Moment bin ich beruflich wirklich an einem für mich sehr schönen Punkt angelangt, auf den ich auch sehr lange hingearbeitet habe. Für mich ist, was ich bis jetzt als Schauspielerin erreicht habe, ganz sicher nicht selbstverständlich.

Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass ich in diesem Beruf arbeiten darf, dass ich mehr und mehr schöne und interessante Rollen angeboten bekomme. Ja, in beruflicher Sicht würde ich schon sagen, dass ich viel erreicht habe.

Meinen Lebenstraum, ja, ob ich den erreicht habe? Ich glaube, es ist nicht gut, als Mensch, der einen kreativen Beruf ausübt, zu sagen, dass man seinen Lebenstraum erreicht hat. Denn sonst wäre man ja an einem Ende angelangt.

Ich kann doch aber in meinen Vierzigern nicht schon das Gefühl haben, beruflich auf dem Höhepunkt zu sein. Ich kann doch nicht denken, dass da nichts neues, größeres, tolleres, herausfordernderes mehr kommt. Das wäre künstlerisch doch der absolute Stillstand.

Also werde ich mich hüten zu sagen, dass ich meinen Lebenstraum erreicht habe. Ich darf in meinem Traumberuf arbeiten. Das kann ich gerne sagen. Das ist ein großes, großes Glück für mich!

Was ich selbst dadurch gelernt habe: Vielleicht ist es das Wichtigste im Leben, den Glauben an sich selbst nicht zu verlieren. Sich selbst treu zu bleiben.

Egal, ob es jetzt darum geht, große oder kleine Lebensträume zu erfüllen. Einfach weitergehen auf dem Weg und nicht stehen bleiben.

Zur Homepage von Ulrike C. Tscharre

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(c) Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Ulrike C. Tscharre