Thomas Lojek und Isabel Allende: Das Geheimnis der Liebe

Interview: Thomas Lojek und Isabel Allende

Thomas Lojek und Isabel Allende im Gespräch: über Liebe, Werte, Familie und das Geheimnis langjähriger Beziehungen.

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Isabel Allende © Lori Barra

Isabel Allende gehört zu den ganz großen Autorinnen der Gegenwart: über 50 Millionen verkaufte Bücher, ihr Roman „Das Geisterhaus“ ist ein bedeutsamer Klassiker der modernen Weltliteratur, ihre Romane „Eva Luna“, „Von Liebe und Schatten“ und „Paula“ bewegten Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.

Isabel Allendes Romane vermengen Traum und Wirklichkeit, verbinden Poesie und Realismus und sind durchzogen von den Einflüssen der südamerikanischen Lebensweise.

Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin ist Isabel Allende eine bedeutende Stimme im weltweiten Bemühen um Emanzipation und Frauenrechte.

Thomas Lojek ist der Autor von „Das geheime Muster der Liebe“, „Die Gefühle der Männer, „Einen Mann emotional dauerhaft binden“ und „Wahre Liebe statt Geliebte sein“.

In diesem Interview unterhalten sich Isabel Allende und Thomas Lojek über die Liebe, Unterschiede zwischen Mann und Frau, über die Frage, wie man sich ein lebenswertes Leben zwischen Familie und Selbstentfaltung erarbeitet, und darüber, wie man sich die Magie der Liebe auch innerhalb langjähriger Beziehungen bewahrt.

Liebe und Leben zwischen Hingabe und Selbstverwirklichung

Thomas Lojek: Liebe Isabel, du hast als Autorin Weltruhm erlangt und trotzdem erinnerst du sowohl in deinen Werken als auch persönlich immer wieder daran, dass nur die Liebe zu den Menschen, die einem nahestehen, von echter Bedeutung ist.

Das Weltbild unserer Zeit suggeriert allerdings sehr oft eine ganz andere Richtung in der allgemeinen Lebensauffassung: Dass wir mit Selbstverwirklichung und Erfolg anfangen sollten, weil der persönlichen Selbstentfaltung dann sehr sicher glückliche Beziehungen und starke Familienbande folgen werden.

Wie siehst du das? Ist die Annahme dahinter real? Oder führt diese Einstellung innerhalb unserer Gesellschaft nicht eher zu immer mehr Menschen, die konstant unzufrieden sind und die echte Chancen auf bedeutsame Bindungen immer wieder verpassen, weil sie fortlaufend den Eindruck haben, sich erst verwirklichen zu müssen, um lieben zu können?

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Isabel Allende © Lori Barra

Isabel Allende: Das ist sicherlich keine einfache Frage von Schwarz oder Weiß. Es ist wichtig, im Leben eine Balance zwischen dem Selbst und dem Wir zu finden.

Ganz besonders Frauen wurden über Jahrhunderte dazu erzogen, sich selbst zum Wohle der Familie aufzuopfern, für die Gemeinschaft und nicht selten für ihr Land.

Männer werden dagegen seit jeher dazu ermutigt, zuerst an sich selbst zu denken. Wenn heute gesagt wird, dass Selbstbezogenheit in unserer Gesellschaft dazu führt, dass immer mehr Menschen alleine und unglücklich leben, reden wir dann nicht auch immer unterschwellig über die Rolle der Frau in diesen Zusammenhängen?

Vielleicht auch gerade deswegen, weil Ehrgeiz, Gier und das Verlangen nach einer Karriere bisher als rein männliche Eigenschaften angesehen wurden?

Ich wäre vorsichtig mit zu einfachen Antworten auf diesem Gebiet – vor allem, wenn es darum geht, aus diesen Gründen heraus die Emanzipation als Ursache für die bestehende Krise der zwischenmenschlichen Beziehungen auszumachen.

Ein Leben mit Neugierde, Liebe und Selbstentfaltung füllen

Thomas Lojek: Durch meine Arbeit als Autor und Berater im Bereich Liebe und Beziehungen begegne ich immer wieder einem bestimmten Phänomen: Viele Frauen in Europa haben den Eindruck, dass ihnen die Emanzipation und der gesellschaftliche Druck, Karriere machen zu müssen, einen bedeutsamen Teil ihrer Seele genommen hat – die Fähigkeit zu weiblicher Sinnlichkeit und echten Emotionen.

Sie sind gesellschaftlich erfolgreich, aber sie sind nicht glücklich: zu viel Kopf und zu wenig Herz!

Du selbst bist eine bedeutsame Stimme in den weltweiten Bemühungen um mehr Emanzipation und gesellschaftliche Fortschritte für Frauen – und deine Werke sind sehr wohl erfüllt mit weiblicher Sinnlichkeit und Emotionen.

Kannst du meinen Leserinnen deine persönliche Sichtweise schildern, was der entscheidende Unterschied zwischen Kopf und Herz in einem lebenswerten Feminismus ist?

Isabel Allende: Frauen sind in unserer heutigen Zeit dem Druck ausgesetzt, im Arbeitsleben mit Männern konkurrieren und trotzdem weiter den größten Teil der Verantwortung für Haushalt und Kinderziehung tragen zu müssen.

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Isabel Allende © Lori Barra

Und da oben drauf kommt dann noch zusätzlich die Anforderung, dass sie emotional stabil, möglichst gelassen und sinnlich sein sollten.

Natürlich modisch up to date und möglichst für immer jung und schön sollten sie bleiben …

Ist das nicht ein bisschen viel verlangt von einem menschlichen Wesen?

Ich glaube nicht, dass Männer sich das in diesem Umfang antun würden. Und schon gar nicht bis zu diesem absurden Grad an Unsinnigkeit.

Dieses zweierlei Maß war für mich persönlich sehr schwer, als ich noch jünger war.

Ich hatte nie besonders viel Unterstützung von meinem ersten Mann – weder emotional noch ganz praktisch im Alltag.

Über viele Jahre jonglierte ich mit zwei oder drei Jobs gleichzeitig, um meine Kinder unterstützen zu können. Und ehrlichweise auch, weil ich einfach neugierig, hyperaktiv und voller Ideen war.

Ich habe sehr viel gearbeitet – aber ich war glücklich.

Mein Leben war sehr erfüllt und ich hätte es niemals eingetauscht gegen ein ruhigeres und sichereres Leben.

Ich habe den Preis des Feminismus niemals für mich in Frage gestellt. Oder den Preis für Unabhängigkeit und Selbstentfaltung.

Welchen Preis ich auch immer gezahlt habe – er bedeutete mir nichts im Vergleich zu der Freude, die ich dadurch erfahren konnte.

Statt die Emanzipation als die Ursache für die allgemeine Unzufriedenheit unserer Gesellschaft auszumachen – warum beschäftigen wir uns nicht viel mehr mit den anderen Gründen wie Konsumdenken, Materialismus, Mangel an Spiritualität, Mangel an Zusammenhalt, Reizüberflutung etc.?

All das beeinflusst sowohl Mann als auch Frau im gleichen Maße.

Über das Verhältnis von Mann und Frau in der Welt

Thomas Lojek: Bist du der Meinung, dass sich die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in den letzten Jahrzehnten verändert haben – auch in Hinblick auf die Werte, die ihnen zugrunde liegen?

Hat das Verhältnis von Mann und Frau Fortschritte gemacht? Oder bleibt es auf vielen Ebenen blockiert?

Erleben wir in manchen Bereichen vielleicht sogar wieder Rückschritte in den Werten und Beziehungen zwischen Mann und Frau?

Isabel Allende: Generell würde ich sagen, dass sich die Beziehungen zwischen Mann und Frau deutlich verbessert haben – allerdings abhängig von der jeweiligen Kultur.

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Isabel Allende © Lori Barra

Es gibt immer noch Millionen von Menschen, an denen diese Entwicklungen vorbeiziehen und die festgehalten werden in religiösen Überzeugungen und traditionellen Verhaltensmustern.

Immer noch werden junge Mädchen an Männer verheiratet, die dreimal so alt sind wie sie selbst. Männer kontrollieren und beuten immer noch die weiblichen Mitglieder ihrer Familien aus.

Immer noch verkaufen Väter ihre Töchter für erzwungene Ehen oder als billige Arbeitskräfte. Immer noch gibt es Ehrenmorde und exzessive häusliche Gewalt.

Den jungen Menschen in den modernen Industrienationen geht es wesentlich besser: Traditionelle Erwartungen und Begrenzungen bestimmten nicht mehr ihr Leben.

Im besten Falle können sie sich ausprobieren und ganz unterschiedliche Formen von Beziehungen testen – in einer Art und Weise, die für vergangene Generationen unvorstellbar gewesen wäre.

Darum bin ich recht optimistisch, was die Zukunft der zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Sie werden besser ausfallen als die Beziehungen der Vergangenheit, das ist sicher. 

Ein Problem sehe ich allerdings: Nur wenige junge Menschen sind noch dazu bereit, die Risiken echter Gefühle einzugehen.

Sich selbst zu erlauben, sich aufrichtig zu verlieben, und das Risiko einzugehen, in einer echten und verbindlichen Partnerschaft zu leben, setzt Mut voraus.

Man muss bereit sein, auch mal Kummer in Kauf zu nehmen und sich hin und wieder mit einem gebrochenen Herzen auseinandersetzen zu müssen – sonst wird man niemals wahre Liebe erfahren.

Die alltägliche Magie in einer wahren großen Liebe

Thomas Lojek: Eine gute Geschichte sollte immer etwas Traumhaftes haben, das einen besonderen Zauber vermitteln kann – aber sie muss auch auf einem festen erzählerischen Boden stehen, der sie glaubhaft und überzeugend macht.

Gute Liebesbeziehungen funktionieren ähnlich: Sie brauchen einen besonderen Zauber, aber ebenso einen gesunden Sinn für die Realität, um gemeinsam auch mal durch die schwierigen Zeiten des Lebens zu kommen.

Was würdest du sagen: Wie bewahrt man sich im Leben den Zauber für seine Liebesbeziehungen, ohne den gesunden Kontakt zum Boden unter den Füßen zu verlieren?

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Isabel und Willie © Lori Barra

Isabel Allende: Es ist sehr schwer, die Magie in lang andauernden Beziehungen aufrechtzuerhalten, ganz besonders innerhalb einer Ehe.

Ich war mit meinem ersten Mann 29 Jahre verheiratet – ich habe ihn mit 15 Jahren kennengelernt.

Und mit meinem zweiten Mann, Willie, bin ich jetzt seit 26 Jahren zusammen.

Mit meinem ersten Mann habe ich zwei wundervolle Kinder bekommen und ich war über viele Jahre sehr glücklich, aber wir haben uns auseinandergelebt, nachdem wir nach dem Militärputsch in Chile 1973 ins Exil gehen mussten.

Mein Mann nahm einen Job an, der weit entfernt von mir war, und wir sahen uns immer weniger.

Die Magie starb zwischen uns und am Ende stand die Scheidung.

Mein heutiger Mann Willie und ich mussten einige sehr schwere Zeiten durchstehen.

Meine Tochter Paula starb, dann starb seine Tochter Jennifer und vor kurzem verloren wir auch noch seinen jüngsten Sohn Harleigh.

Drei gestorbene Kinder in einer Familie … das würden die meisten Beziehungen nicht überleben.

Aber irgendwie haben Willie und ich es geschafft, diese Tragödien gemeinsam zu überstehen und zudem kulturelle Unterschiede zwischen uns zu überwinden.

Wir haben über die Jahre regelmäßig gemeinsame Therapien gemacht, um über unsere Schwierigkeiten hinwegzukommen und uns emotional zu öffnen.

Der Umstand, dass wir beide kreative Menschen sind – wir sind beide Schriftsteller – und dass wir gemeinsame Ideen und einen ähnlichen Geschmack haben, hilft ebenfalls sehr, die Magie zwischen uns lebendig zu halten.

Jede erfolgreiche Liebesbeziehung braucht zu Anfang einen Funken, der das Feuer entfacht und dann die gegenseitige Entschlossenheit, dieses Feuer auch in Gang zu halten.

Isabel Allende und ihr Mann Willie Gordon © by Lori Barra

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Bücher von Thomas Lojek

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Männliche Muster der Liebe

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Warum glückliche Beziehungen kein Zufall sind

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