Thomas Lojek und Peter Prange: Muse, Werk und Liebe

Interview Thomas Lojek und Peter Prange: Die Muse, das Werk und die Liebe

Thomas Lojek und Peter Prange im Gespräch:

Über bedeutsame Werke der Weltgeschichte, die besonderen Frauen hinter diesen Werken und die ewige Suche nach Glück und Bedeutung in Kunst, Liebe und Leben.

Peter Prange © FinePic

Peter Prange © FinePic

Peter Prange gehört zu den erfolgreichsten deutschen Roman-Autoren der Gegenwart.

 Seine Romane „Das Bernstein-Amulett“ (2004 verfilmt), „Die Principessa“, „Die Philosophin“, „Der letzte Harem“ und „Der Kinderpapst“ waren nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch international Bestseller.

Seine Bücher beschäftigen sich mit dem Leben bedeutsamer Figuren, die eine besondere Rolle in wichtigen historischen und kulturellen Fortschritten oder wesentlichen Umbruchsphasen gespielt haben.

Thomas Lojek ist der Autor von „Gebrauchsanleitung Mann“, „Das geheime Muster der Liebe“ und „Einen Mann emotional dauerhaft binden“.

In diesem Interview sprechen Thomas Lojek und Peter Prange über die tiefere Bedeutung einer Muse für Kunst und Leben, über die verborgene Botschaft großer Kunstwerke und die Frage, was Kunst und Liebe verbindet.

Die Liebe besonderer Frauen und die Werke großer Männer

Thomas Lojek: In deinem Roman „Die Principessa“ gibt es eine sehr ungewöhnliche Konstellation: Zwei hochbegabte Architekten konkurrieren im Rom des 17. Jahrhunderts um die Liebe einer besonderen Frau und erschaffen darüber außergewöhnliche Werke der Baukunst.

Mich hat die Grundidee des Romans von Anfang an fasziniert und mich würde interessieren, ob dahinter nur eine spannende Geschichte oder auch ein bestimmter Einblick in das Wesen von Mann und Frau steht?

Gibt es aus deiner Sicht eine besondere Verbindung zwischen der Liebe der Frauen und dem Verlangen des Mannes, über sich selbst hinauszuwachsen?

Peter Prange: Unbedingt ja. „Cherchez la femme“ – „Suchen Sie die Frau“, lautet eine französische Redensart. Soll heißen: Wenn Männer etwas wirklich Außergewöhnliches tun, steckt dahinter sehr, sehr oft eine Frau. Dieses Muster ist älter als der Mensch.

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Bei fast allen Tierarten lässt es sich beobachten: Das Männchen will dem Weibchen imponieren, um dessen Liebe zu gewinnen – und dafür ist ihm keine Anstrengung zu groß.

Ein lustiges Beispiel dafür, dass wir Menschen-Männchen nicht viel anders funktionieren, ist der bayrische Schuhplattler. Anthropologen haben heraus gefunden, dass diese spezifisch bajuwarische Art der Brautwerbung bis in die einzelnen Figuren hinein dem Balz-Tanz der Auerhähne nachgebildet ist.

In meinem Roman „Die Principessa“ ist es die Rivalität der beiden größten Architekten des römischen Barock, Lorenzo Bernini und Francesco Borromini, die sie im Werben um eine Frau zu immer wieder neuen architektonischen Großtaten anspornt.

Und ich bin fest davon überzeugt, dass Barack Obama nicht amerikanischer Präsident geworden wäre, hätte er nicht seiner Michelle imponieren wollen.

Der Kuss, mit dem sie ihn bei der Vereidigung belohnte, war für ihn – das war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben – wichtiger als die Gratulationen der Staatspräsidenten aus aller Welt und der Jubel des Volkes.

Die Muse und ihr Künstler – große Liebe, große Kunst

Thomas Lojek: Das Motiv der Frau, die einen besonderen Einfluss auf Kunst und Fortschritte der Menschheitsgeschichte hat, ist ein Motiv, das du öfter aufgreifst.

„Die Philosophin“ schildert die Liebe zwischen der jungen Sophie und Denis Diderot, der mit der Herausgabe der Encyclopédie ein wesentliches Werk der Aufklärung geschaffen hat.

„Himmelsdiebe“ erzählt von der besonderen Beziehung zwischen Max Ernst und seiner Muse Leonora Carrington.

Was sind das für Eigenschaften, die eine Frau zu einer besonderen Muse für einen besonderen Mann machen?

Schönheit allein kann es nicht sein – es gibt genügend Beispiele von Musen berühmter und einflussreicher Männer, die alles andere als außergewöhnlich schön waren.

Und doch waren sie fähig, den Mann zu Größe anzuspornen und ihn mehr zu beeinflussen und an sich zu binden als alle anderen Frauen.

Was ist aus deiner Sicht das Geheimnis dieser Frauen?

Nach welchen Eigenschaften suchst du in deinen weiblichen Hauptfiguren – egal, ob fiktiv oder historisch verbürgt –, damit sie die Rolle der besonderen Muse innerhalb deiner Geschichte glaubhaft erfüllen können?

Peter Prange ©

Peter Prange © teutopress

Peter Prange: Lass mich mit einer Paradoxie antworten. Ich glaube, die wesentliche Eigenschaft, die eine Frau haben muss, um einen Mann als Muse zu inspirieren, ist, dass sie viel mehr ist als eine Muse.

Um ihn zünden zu können, muss sie ihm geistig ebenbürtig sein – wenn nicht mehr. Das gilt auch für die beiden Frauenfiguren in meinen Romanen, die Du ansprichst.

Fangen wir mit der „Philosophin“ an. Als Sophie in Diderots Leben tritt, hat sie – bedingt durch ein traumatisches Erlebnis in ihrer Kindheit – noch regelrecht Angst vor dem Abenteuer des Denkens.

Doch je mehr sie sich auf den Mann und dessen Abenteuer, eben das Denken, einlässt, umso mehr greift sie selber in das Geschehen ein, wird Muse, geistige Gefährtin, Widerpart – um schließlich durch ihre Intervention Diderots Lebenswerk, sprich: das enzyklopädische Projekt, zu retten.

Ähnlich die Konstellation in den „Himmelsdieben“.

Ist Max am Anfang der Beziehung der große Zauberer und Leonora seine Windsbraut, kehrt sich im Verlauf der Geschichte die Beziehung um: Der Zauberlehrling wächst dem großen Zauberer über den Kopf.

Leonora geht den Weg, den Max ihrer beider Beziehung und ihrer beider Kunst vorgezeichnet hat, viel weiter und radikaler zu Ende als er selbst.

Deshalb würde ich sagen, das Bild der klassischen weiblichen Muse, die einseitig, in gleichsam dienender Funktion, den männlichen Künstler inspiriert, ist nicht mehr zeitgemäß – falls es das überhaupt jemals war. 

Inspiration ist keine Einbahnstraße, sondern ein geistiges Wechselspiel, das darum auch genauso gut umgekehrt zwischen Mann und Frau verlaufen kann.

Um ein Beispiel zu zitieren, nenne ich den kürzlich erschienenen Roman „Warte auf mich“, von Philipp Andersen und Miriam Bach.

Beide Protagonisten sind Schriftsteller, beide verzehren sich in einer großen, unmöglichen Liebe, beide inspirieren einander in ihrer Arbeit – so sehr, dass am Ende nicht mehr zu unterscheiden ist, was ihr Roman und was ihr Leben, wer Künstler und wer Muse ist.

Suche nach Sinn und Bedeutung durch Liebe und Gemeinsamkeit 

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Thomas Lojek: Wenn man aus dieser Perspektive betrachtet, bilden Künstler, Muse und Werk dann nicht im Grunde eine unsichtbare, verborgene Einheit, die sich erst in der Erschaffung des Werkes vollständig zeigt und zusammenfügt?

Und sich vielleicht auch erst darüber bewährt und zu echter Bedeutung findet?

So betrachtet, erscheint diese Verbindung innerhalb der Kunst fast wie eine universelle Allegorie der Liebe – denn wenn man genauer hinschaut, ist es genau das, was Mann und Frau auf den unterschiedlichsten Ebenen des Lebens tun.

Sie finden zusammen, um Familien zu erschaffen.

Sie streiten und versöhnen sich, um ein gemeinsames Leben zu erschaffen.

Und sie ringen um Werte und Ansichten, um einen gemeinsamen Lebensweg zu finden.

Ist Kunst Liebe?

Vielleicht sogar eine höhere Form von Liebe, in der sich Künstler, Muse und Werk zusammenfinden, um der Welt etwas von besonderem Wert zu hinterlassen?

Kann Kunst auf diese Weise vielleicht sogar ein Ansporn sein, sich im Leben nicht nur mit der Position des Betrachters und Bewunderers zufriedenzugeben, sondern selbst nach dieser Dynamik – nach Aufgaben, Menschen und Verbindungen – zu suchen, die diese Formen der Liebe in das eigene Leben bringen können?

Peter Prange: Ja, das ist der Kern einer solchen Beziehung – gegenseitige Befruchtung, in der Kunst wie in der Liebe.

Um gemeinsam etwas zu erschaffen, das größer und bedeutender ist als das, was die Beteiligten allein  je erschaffen könnten.

So wie zwei Menschen sich nicht nur um ihrer selbst, sondern auch um jenes Lebens willen lieben, das sich für sie im jeweils anderen verkörpert, so suchen Künstler und Muse einander, um durch und mit dem anderen jene höhere Form von Kunst zu zeugen, die beide für sich nur vage erahnen, in der gemeinsamen Symbiose aber konkretisieren können.

Auch hier ist der Roman „Warte auf mich“ von Philipp Andersen und Miriam Bach ein schönes Beispiel.

Aus dem Zusammenspiel der Protagonisten entsteht in doppelter Hinsicht neues Leben, in Gestalt eines gemeinsamen Buches , als „Roman im Roman“ – und in Gestalt eines …

Aber das wird hier nicht verraten.

Der geheime Code des Lebens im ewigen Spiel der Liebe

Thomas Lojek: Du hast durch die Weltenbauer-Trilogie und die nachfolgenden Romane durchaus einige Jahre in den Fußstapfen großer Männer, großer Kunst und außergewöhnlicher Frauen verbracht.

Hast du aus den Zusammenhängen in diesen Geschichten auch etwas für dich selbst gelernt?

Etwas aus diesen Erfahrungen mit in dein eigenes Leben genommen?

Peter Prange ©

Peter Prange © Prange

Peter Prange: So seltsam es klingen mag:

Obwohl ich historische Romane schreibe, ist mein ganzes Schreiben eigentlich nichts weiter als eine einzige Auseinandersetzung mit mir selbst, ein Rühren in der geistigen Ursuppe, aus der ich hervor gegangen bin, ein Versuch, erzählend den Code von tausend Jahren europäischer Geistesgeschichte zu knacken, der unser Denken und Fühlen so nachhaltig prägt wie der genetische Code in unserer DNS.

Dabei kreisen meine Romane, gleichgültig, in welcher Epoche sie spielen, immer wieder um zwei zentrale Fragen:

Wie können wir auf Erden glücklich sein?

Und: Wie erfinden wir das uralte Spiel der Liebe immer wieder aufs Neue?

In einem Satz: Wenn ich dem Schicksal der großen Männer und außergewöhnlichen Frauen nachspüre, die meine Romane bevölkern, dann tue ich dies also in der Hoffnung, auf diese Weise mir selber Schritt für Schritt auf die Schliche zu kommen – um so mein eigenes Leben bewusster, genauer: selbst-bewusster zu gestalten.

Und wenn meine Leserinnen und Leser sich im Spiegel meiner Geschichten ähnlich wieder erkennen, dann ist die Arbeit nicht umsonst gewesen.

Neben seiner Tätigkeit als Autor von historischen Romanen macht Peter Prange regelmäßig Ausflüge in die kulturhistorische Theorie.

Sein Hand- und Lesebuch „WERTE. Von Plato bis Pop“ ist ein Reiseführer durch die europäische Geistesgeschichte, quer durch alle Epochen und Kulturkreise (http://www.peterprange.de/buch/werte).

Dem großen Thema Männer und Frauen galt bereits seine Dissertation: „Das Paradies im Boudoir. Glanz und Elend der erotischen Libertinage im Zeitalter der Aufklärung“.

Zur Homepage von Peter Prange

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Platz da, ich lebe! Herausgeber: Peter Prange

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Das Kinder- und Jugendhospiz Balthasar betreut Kinder und Jugendliche, für die es keine Heilung mehr gibt. „Platz da, ich lebe!“ ist ihr kleines Denkmal.

Auf diese Weise bleibt uns etwas von ihnen, wenn sie selbst nicht mehr da sind: Von jedem Kind eine letzte Botschaft für seine Familie – und für uns alle.

Der Erlös dieses Buches geht an das Kinder- und Jugendhospiz Balthasar.

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