Auszug: Roman

Mediterranean Noir

Von Thomas Lojek

Erhältlich in 2020

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„Meine Grossmutter sagte immer:

Das Blau hier in Valencia, dieses Blau genau an der Stelle, wo sich Mittelmeer und Himmel berühren, das kann uns töten.

Es tötet, weil es so sehr weh tut, diesen Ort zu lieben.

Wir sterben hier in Valencia an der Liebe, hat sie gesagt, einen süssen, anstrengenden Tod, den man Leben nennt.“

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ERSTER TEIL

1. Kapitel

Das Mädchen lag im Eingang meines Sommerhauses.

Sie war vielleicht sechzehn, siebzehn Jahre alt.

Zumindest nach dem, was ich im Dämmerlicht des frühen Abends von ihr erkennen konnte.

Das Meer rauschte und die Luft war noch warm.

Es roch nach Jasmin, Palmenduft und Meer.

Der Mai behandelte die Küste von Valencia besonders liebevoll dieses Jahr.

Ich beugte mich zu ihr herab.

Halb schlafend, halb ohnmächtig, drehte ich sie zu mir um.

Blut blieb auf meinem Hemd zurück, als ich sie aufrichtete, um zu schauen, was ihr fehlte.

Sie drückte sich gegen mich.

Jemand hatte sie verprügelt.

Ihre Augen waren geschwollen, getrocknetes Blut lag auf ihrer Nase und ihre Lippen begannen erneut zu bluten, als sie irgendetwas flüsterte, das ich nicht verstand.

„Shhht, ruhig, meine Kleine“, sagte ich. „Keine Angst, dir passiert hier nichts.“

Ich hob sie auf und drückte die Tür zu meinem Strandhaus auf, um sie ins Innere zu tragen.

Mit dem Ellenbogen stieß ich den Lichtschalter an und trug das Mädchen auf die Couch im Wohnzimmer.

Ich legte sie dort nieder.

Sie hatte ihre Arme um meinen Nacken gelegt und ich musste sie von mir losmachen.

Sie hatte Blutergüsse an ihren Ellenbogen und Oberarmen.

Jemand hatte sie festgehalten.

Also waren es mehrere gewesen, die das Mädchen verprügelt hatten.

Wut stieg in mir auf.

Ich ging in die Küche, um Eis und ein Handtuch zu holen.

In Gedanken ging ich die Namen durch, die ich anrufen könnte.

Das Mädchen gehörte ganz sicher in ein Krankenhaus.

Ich musste den Vorfall melden. Eigentlich.

Dennoch war mir unwohl bei dem Gedanken.

Ich war lange genug Polizist gewesen, um zu wissen, wie es lief.

Die Polizei interessierte es kaum, wenn irgendwo ein verprügeltes Mädchen auftauchte.

Dafür gab es einfach zu viele.

Wenn es ein Streit innerhalb ihrer Familie war, der sie so zugerichtet hatte, war das nur ein neues Risiko für das Mädchen.

Es gab Familien, die ihre Töchter mit Fäusten, Messern oder sogar Pistolen aus dem Hospital holten, wenn es für sie darauf ankam.

Und wenn es eines dieser Arschlöcher gewesen war, denen einer dabei abging, wenn sie ihre jungen Freundinnen oder Geliebten verprügelten, dann sollte jetzt erst einmal besser niemand wissen, wo sie war.

Es waren genug Mädchen tot aufgefunden worden, nachdem sie Hilfe gesucht hatten.

Ich kehrte zurück zu ihr und setzte mich an ihre Seite.

Mit dem in Wasser getränkten Handtuch wischte ich ihr das Blut vom Gesicht.

Sie schaute mich an.

Immer noch benommen, aber bewusst, dass ich bei ihr war.

Ich untersuchte ihren Zustand und entdeckte nichts, was mich in unmittelbare Panik versetzt hätte.

Sie war verprügelt worden, aber ich sah keine schweren Wunden.

Ihre Augen folgten meinen Bewegungen, also war ihr Kopf so weit in Ordnung, bis auf die Aussicht auf ein paar schmerzhafte Tage, die sie nun erwarten würden.

„Wie heißt du?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

Ich wischte ihr das Blut von der Nase.

Sie verzog das Gesicht. Ich tastete es vorsichtig ab.

Sie drehte sich weg: „Scheiße, lass das. Das tut weh!“

„Gebrochen ist nichts. Glaube ich.“

„Scheiße!“, sagte sie erneut.

Blut tropfte aus der Wunde an ihrer Lippe.

Behutsam tupfte ich die Stelle mit dem Handtuch ab und gab es ihr dann, falls sie weiter bluten sollte.

Ich schüttete Eiswürfel in eine Plastiktüte.

„Hier, das kannst du dort auflegen, wo es dir weh tut. Aber übertreibe es nicht. Wechsle ab und zu. Sonst tut es nachher nur noch mehr weh!“

Sie nickte und griff den Beutel mit Eis.

„Wen soll ich anrufen?“, fragte ich.

Wieder schüttelte sie den Kopf.

„Wenn du mir nichts sagen willst, muss ich die Polizei anrufen!“

Sie griff meinen Arm. „Bitte nicht …“

„Hast du etwas angestellt?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Hast du Ärger?“

Sie machte eine Bewegung, die mir mehr sagte als eine Antwort.

Ich hielt ihr drei Finger vor das Gesicht.

„Drei …“, sagte sie.

Ich wechselte.

„Zwei. Fünf … Keine Sorge. Ich bin in Ordnung.“

„In Ordnung sieht anders aus!“

Ich stand auf und ging erneut in die Küche.

Dort kramte ich in meinem Medizinschrank und kehrte zurück ins Wohnzimmer mit Paracetamol, einigen Pflastern und Jod-Salbe.

„Hier, trink das.“

Ich hielt ihr ein Glas mit Paracetamol hin.

Sie trank und verzog das Gesicht.

Ich gab ihr ein frisches Handtuch und sie presste es gegen die Wunde an ihrer Lippe.

Dann versorgte ich die etwas kleineren Wunden mit Pflastern.

„Das wird morgen höllisch weh tun!“

Sie grunzte etwas, von dem ich nicht wusste, ob es eine Antwort oder nur ein Laut des Missfallens über ihren Zustand war.

„Warum willst du nicht, dass ich jemanden anrufe?“, fragte ich.

„Bitte nicht. Morgen.“

Ich schaute sie an.

Unschlüssig, was ich tun sollte.

Ich musste eigentlich jemanden anrufen.

Ich hatte ein verprügeltes Mädchen hier in meinem Haus, das sehr wahrscheinlich auch noch minderjährig war.

„Wie alt bist du?“, fragte ich.

„Zwanzig!“

„Du lügst doch!“

„Okay, achtzehn!“

„Hör auf mich zu verarschen oder ich setze dich direkt vor die Tür. Dann kannst du selbst zusehen, wie du zurechtkommst!“

„Schon gut, schon gut. Ich bin siebzehn. Ehrlich. Im Oktober werde ich achtzehn.“

Ohne das Blut im Gesicht und hier im Licht des Wohnzimmers bekam ich einen besseren Eindruck davon, mit wem ich es zu tun hatte.

Das Mädchen war geradezu unangenehm hübsch.

Ein rebellischer Ausdruck lag in ihren feinen Gesichtszügen.

Ihr langes schwarzes Haar lag ihr über den Schultern.

Und in braunen Augen funkelte diese Art von Leben, das sich selbst jetzt, in diesem kläglichen Zustand, nicht brechen lassen würde. Das imponierte mir.

„Zumindest deinen Vornamen könntest du mir sagen. Wie soll ich dich sonst ansprechen?“

„Elena.“

„Elena …, und wie weiter?“

„Morgen, bitte? Mir tut alles weh, wenn ich spreche. Bitte …, nur etwas ausruhen. Morgen, versprochen! Dann erzähle ich dir alles.“

Ich nickte und hasste mich selbst dafür.

Das alles roch nach Ärger.

Und nach Ärger war mir im Moment gar nicht zu Mute.

Ich ging zurück in die Küche.

Meine Hand glitt über mein Handy.

Ruf jemanden an, mahnte mich meine innere Stimme.

Eine verprügelte Siebzehnjährige auf meinem Wohnzimmersofa war nichts, was ich einfach so hinnehmen sollte.

Trotzdem griff ich zuerst nach der Schachtel mit Valium und kehrte zurück ins Wohnzimmer.

Veröffentlichung: 2020