Thomas Lojek im Gespräch mit Schaupieler Steffen Groth: Treue, Werte, Rollenbilder 

Steffen Groth (c) by Marco Armborst

Steffen Groth (c) by Marco Armborst

Steffen Groth ist ein bekanntes Gesicht in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft.

Zu seinem Repertoire gehören deutsche Primetime-Produktionen wie „Tatort“ und „Traumschiff“, populäre Serien wie „Doctor’s Diary“ und zeitgeschichtliche Familiendramen wie die Serie „Weißensee“.

In diesem Gespräch unterhält sich Thomas Lojek mit Steffen Groth über männliches Rollenverständnis in der modernen Welt, über Werte, die Unterschiedlichkeiten zwischen Mann und Frau in langfristigen Beziehungen und die Bedeutung von Vorbildern.

Thomas Lojek ist Autor der Bücher Gebrauchsanleitung Mann, Die Gefühle der Männer, Wahre Liebe statt Geliebte sein und Das geheime Muster der Liebe.

Schauspieler und Liebe: Treue und emotionale Schwerstarbeit 

Thomas Lojek: Es vergeht im Moment praktisch keine Woche, in der nicht irgendein Hollywood-Star seine Scheidung bekannt gibt, beim Seitensprung ertappt wird oder auf Twitter das kommende Ende seiner Beziehung andeutet.

Ich würde dazu gerne mal eine ganz ehrliche Einschätzung von dir hören: Ist das ein berufsspezifisches Phänomen?

Gibt es Zusammenhänge, die Ehen und Beziehungen für Schauspieler schwieriger oder sogar unmöglich machen?

Oder haben Schauspieler einfach mehr Öffentlichkeit?

Ich frage mal provokativ: Sind Schauspieler nach ihrer Berufswahl verdammt dazu öfter und schneller in ihren Liebesbeziehungen zu scheitern? Oder scheitern sie nur etwas öffentlicher?

Steffen Groth: Berufsspezifisch? Hmm…

Es gibt natürlich einige Faktoren, die begünstigen, dass ein Schauspieler ­– vielleicht leichter als Leute in anderen Berufen – den Beziehungspartner wechselt.

Zumindest ist das insofern möglicher, als dass er, sofern er viel arbeitet, immer wechselnde Teams hat und somit viele unterschiedliche Kollegen.

Man lernt also schon pro Produktion eine große Zahl Männlein und Weiblein kennen – alles potentielle Beziehungspartner… der Eine mehr, der Andere weniger.

Dann ist so ein Dreh oft auch ein Abenteuer, das man gemeinsam erlebt.

Auch das schafft eine besondere Situation.

Und da ist dann die mögliche Verführung natürlich größer als wenn ich in meinem Arbeitsumfeld die immer gleichen Kollegen habe.

Zudem kommt auch noch das emotionale und das körperliche Element hinzu.

Wir sind ja emotionale Arbeiter.

Das heißt wir sind in der Arbeit bestrebt, den größtmöglichen emotionalen Kontakt zu unserem jeweiligen Schauspielpartner aufzunehmen – und wenn es da dann auch noch körperlich wird – ich spreche von Liebes- oder Sexszenen – dann ist der Schritt, sich auch im Privaten anzunähern, besonders wenn das im Spiel schon Spaß gemacht hat, für viele Kollegen nicht mehr so weit. 

Ob sie öfter scheitern, weiß ich trotzdem nicht.

Treue, Beständigkeit und Substanz in Begegnungen

Ich habe letztens einen Bericht über eine Schule in Berlin Mitte gelesen, aus dem hervorging, dass zwei Drittel der Eltern dieser Schüler geschieden waren – wir leben in merkwürdigen Zeiten.

Schon alleine das Internet schafft ja für jeden die Möglichkeit, sich ständig mit neuen Partnern einzudecken.

Aber, okay, ich glaube ich lege mich doch fest:

Ich finde, wir haben es schon ein bisschen schwieriger mit der Treue und Beständigkeit – die ich für mich als absolut erstrebenswert und wertvoll erachte.

Zumindest in dem Rahmen, in dem ich diese Begriffe für mich definiere.

Dass dann ein dauerndes Trennen und Neu-Finden stattfindet, macht auch Sinn, weil die Kollegen ja meist nur einem spontanen emotionalen Impuls folgen und sich vermutlich selten fragen, was für eine tatsächliche Substanz in der Begegnung mit der neuen Person steckt – abgesehen davon, dass sie neu und flirty und damit aufregend ist.

Aber wie lange hält so ein Gefühl?

Im Zweifel – wenn man Glück hat – vielleicht acht oder neun Monate…

Und vor allem bezieht sich das Gefühl ja meist nur auf einen selbst und weniger auf die andere Person.

Das wäre jetzt so mein küchenpsychologischer Erklärungsversuch. 

Hab ich dir schon gesagt, dass ich zertifizierter Küchenpsychologe bin?

Beziehung beweist sich, wenn es mal nicht so läuft 

Thomas Lojek: Küchenpsychologie könnte vielleicht sogar die entscheidende Antwort auf die Frage nach stabilen und dauerhaften Beziehungen sein.

Immerhin gilt seit Generationen das klassische Sprichwort: „Liebe geht durch den Magen!“ als zuverlässig und erwiesen.

Aber einmal abgesehen von dem Scherz und traditionellen Klischees – vielleicht liegt ja genau darin der Kern der Schwierigkeiten, denen menschliche Verbindungen heute ausgesetzt sind:

Weniger Alltagsfähigkeit und mehr Lust auf Traum, weniger Sinn für Verpflichtung dafür mehr Möglichkeiten an Zerstreuung und persönlichen Kicks.

Früher musste man sich als Paar vielleicht doch mehr zusammenreißen, arrangieren und mit bodenständigen Einsichten über den Alltag retten, dass ein gutes gemeinsames Essen verbinden kann – einfach weil die Möglichkeiten und Zwänge dieser Zeiten ganz anders waren.

Heute ist man beruflich viel unterwegs, man zappt sich dann von Starbucks aus durch die Facebook App und der nächste Flirt ist eigentlich nur einen Klick weit entfernt oder sitzt am Nebentisch.

Kann es sein, dass wir den Segen der Vielfalt in vielen Momenten auch mit einer gewissen Leere bezahlen müssen?

Fehlt es zu oft an der verbindenden Banalität eines gemeinsamen Küchentisches?

Steffen Groth: Ich empfinde den Küchentisch überhaupt nicht als etwas Banales.

Ich liebe es zu kochen und das am liebsten gemeinsam.

Und ich glaube, dass du Recht hast: die Möglichkeiten sind so vielfältig, dass es oft gar nicht mehr nötig erscheint, sich mit jemandem viel weiter als über einen Flirt oder – sollte es zu einer Beziehung kommen – weit über die Phase anfänglicher Verliebtheit hinaus auseinanderzusetzen.

Schließlich kann ich mir den nächsten Romantik-, Sex- oder Flirt-Kick vermeintlich gleich wieder woanders holen.

Aber ich glaube, dass sich eine Beziehung eben genau in dem Moment beweist, wenn es eben auch mal nicht rund läuft.

Nicht umsonst heißt es “in guten wie in schlechten Zeiten”.

Ich glaube allerdings nicht, dass wir aufgrund von zu großer Vielfalt mit einer Leere bezahlen müssen.

Dass ist meiner Meinung nach viel mehr dem gesamtgesellschaftlichen Mangel an tatsächlichen Inhalten jenseits des Konsums geschuldet und dem Mangel an Menschen oder vielleicht Vorbildern, die einen dahin führen, sich die generelle Sinnfrage zu stellen.

Steffen Groth (c) Marco Armborst

Männer: Der Trend zu mehr Vorbild

Thomas Lojek: Es ist interessant, dass du an dieser Stelle die Bedeutung von Vorbildern ansprichst.

Ich beobachte den Trend, dass ein sehr intensives Bedürfnis nach Vorbildern existiert – und zwar sowohl unter Männern als auch unter Frauen.

Beides bemerke ich sehr stark innerhalb meiner Arbeit: Es geht zwar immer im Vordergrund um Liebe und Beziehungen – aber es klingt dabei auch immer die Frage nach Werten, Richtung und Sinn mit.

Wir beide sind von unserer Altersklasse her in Jahrzehnten aufgewachsen, in denen sich das klassische Vorbild im Einklang von Rechtschaffenheit und Werten sehr stark verändert hat – vielleicht so stark, so schnell und so komplex, wie in keiner anderen Generation zuvor.

In den 80ern war die Trennung von Helden und Gegnern, die Grenze zwischen Gut und Böse noch relativ deutlich und intakt.

In den 90ern weichte das alles plötzlich auf: Im Kino wurden durch Filmemacher wie Tarantino die Bad Guys zu Helden gemacht.

In der Musik etablierte sich durch Hip Hop weltweit das Verständnis, dass das Leben nur geil ist, wenn man als Gangster so viel Partys, Knarren, Geld und Frauen wie möglich hatte.

Der alte Klassenfeind Kapitalismus wurde plötzlich cool, weil jeder Aktien am Neuen Markt hatte.

Männer Ende Dreißig: “Wofür stehen wir eigentlich?”

Nach dem 11. September wurde es immer schwieriger klar zu definieren, wo die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht genau verlaufen.

Sowohl in unseren Köpfen als auch auf der Landkarte einer globalen Kriegsführung.

Gigantische Kreditgeschäfte vermittelten gleichzeitig die Illusion, dass jeder reich werden kann.

Und in Deutschland wurde die erfolgreichste Musik von Berliner Ghetto-Kindern gemacht, die in jede Textzeile einen Fausthieb verpackten, weil man nur so durch das Leben kommt.

Jetzt sind wir als Männer im Alter von Mitte bis Ende 30 und müssen uns fragen: “Wofür stehen wir eigentlich?”

Ganz klar: Auch vor unseren Kindern, vor den Jugendlichen in unserem Leben und auch vor unseren Frauen.

Du bist selbst Familienvater, du stehst als Schauspieler in einer gewissen Öffentlichkeit – wie ist das für dich?

Wie wird man in dieser Zeit und in unserer Generation als Mann ein Vorbild?

Wie führt man als Mann ein Leben, das Kindern Orientierung und einer Frau den gewissen Stolz geben kann, dass sie sich einem (dem) “richtigen Mann” angeschlossen hat?

Steffen Groth: Also was die Öffentlichkeit angeht, versuche ich einfach über die Themen zu sprechen, mit denen ich mich auseinandersetze.

Wenn das dann jemand als vorbildhaft empfindet, dann ist das ja seine Entscheidung.

Mich würde es auf jeden Fall freuen, wenn jemand das Gefühl hätte, das ihn ein öffentlicher Auftritt von mir positiv beeinflusst hat.

Ich habe dabei an mich den Anspruch, so authentisch wie möglich zu sein

. Aber natürlich kann ich, besonders in der Öffentlichkeit, nicht einfach so ungefiltert sagen, was ich denke.

Was die Vorbildfunktion als Mann angeht: Das ist schon hart heutzutage.

Für Frauen und Männer gleichermaßen.

Ich habe das Gefühl, dass sich die Orientierungslosigkeit, die Du beschreibst, ganz stark in einer Unsicherheit im Bezug auf die Geschlechterrollen widerspiegelt.

Ich soll ein toller Vater sein, ein super Lover, ich soll sensibel sein, aber auch männlich und einfach auch mal sagen wo’s langgeht, aber bitte nicht zu dominant!

Ich soll Geld nach Hause bringen, aber ich soll der Karriere der Frau bitte auch nicht im Weg stehen.

Ich soll engagiert sein, leidenschaftlich, aber bitte auch für die Familie da sein…

Auweia…

Männer und der emotionale Burn Out?

Wen wundert es, dass da die neue, anscheinend weltweite Lieblingskrankheit der Burn Out ist?

Ich glaube, das einzige, was mir da hilft in diesen unseren Zeiten, ist, wenn ich mich immer wieder frage, ob ich gerade authentisch bin, ob ich zufrieden bin und wenn nicht, was ich verändern kann.

Ja, ich glaube Authentizität ist da der größte Schlüssel.

Und wenn eine Frau sieht, dass es dem Mann gut mit sich selber geht, dann geht’s ihr meiner Meinung nach auch meist gut mit ihm (oder zumindest hat dann ihr Problem nichts mit dem Mann als Auslöser zu tun).

Allerdings ist die Frage, was dann tatsächlich authentisch ist.

Das ist ja fast eine philosophische Frage.

Wer bin ich wirklich?

Oder psychologisch: „Was ist mein tiefster Wunsch, der vielleicht hinter ganz vielen oberflächlichen Wünschen auftaucht?“

Da muss man dann ja erst mal ganz schön ackern um sich das anzusehen, bzw. ansehen zu können, da wir ja alleine medial so zugeschüttet sind mit Ideen, wie wir zu sein hätten oder was uns vermeintlich glücklich macht.

Die emotionale Erwartungshaltung von Frauen überleben

Thomas Lojek: Wie ist das mit dem männlichen Burn Out – glaubst du, dass es im Moment so etwas gibt als Tendenz unter Männern?

Dass Männer sich zunehmend ausgebrannt fühlen – vor allem auch emotional gegenüber Frauen – weil deren Ansprüche ständig steigen?

Oder sind wir Männer einfach mittlerweile viel zu weich und verzogen geworden, so dass uns ein paar weibliche Erwartungen direkt in innere Erschöpfungszustände treiben?

Die emotionale Erwartungshaltung der Frauen an uns Männer ist gigantisch und sehr oft völlig unrealistisch.

Das kann ich ohne Scheu durch meine Arbeit sagen.

Ein großer Teil meiner Arbeit hat damit zu tun, Frauen auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Sie daran zu erinnern, dass wir Männer nun mal Männer sind.

Und, dass es im Leben eines Mannes immer genau diesen Boden gibt, der aus der Perspektive der Frau heraus vielleicht immer etwas zu flach erscheint, aber der uns als Mann dagegen hilft, im Leben voran zu kommen, ohne zu sehr zu straucheln oder zu stolpern.

Wie verteidigen wir als Männer als am besten unseren eigenen Boden?

Ohne Frauen gleich den Boden unter den Füßen wegziehen zu müssen?

Geht das überhaupt?

Oder lebt es sich als Mann rücksichtslos und ignorant generell einfach besser?

Steffen Groth: Wie der Mann im Allgemeinen ist und leben sollte, weiß ich nicht.

Ich kann da nur für mich sprechen und vielleicht ein bisschen darüber, was ich zu beobachten glaube. 

Ich bin der Überzeugung, dass Männer und Frauen grundsätzlich unterschiedlich ticken.

Und obschon ich es richtig finde, dass es eine Chancengleichheit im Beruf gibt, Wahlrecht für alle – in der Schweiz für Frauen übrigens erst seit 1971 (das finde ich immer wieder erstaunlich) – etc., empfinde ich die vermutlich aus der radikalen Emanzipation kommende Tendenz, zu sagen, Männer und Frauen wären gleich, als einen fatalen Fehler.

Dass die Emanzipation erst mal so radikale Wege beschritten hat, war wahrscheinlich notwendig, um die starren und spießigen vorherrschenden Rollenmuster aufzubrechen.

Ich glaube allerdings, dass es jetzt ein Umdenken geben müsste und eine Konzentration darauf, was tatsächlich männlich und was weiblich ist. Gleichmacherei zu Lasten von Authentizität halte ich für einen krassen Fehler.

Und ich glaube, dass eben das Nichtanerkennen von geschlechtlichen Unterschieden eben genau zu einem unauthentischen Verhalten führt.

Als Mann aufrecht und mit Verantwortung leben

Die Männer denken, sie müssten sich verbiegen, um den Frauen zu gefallen und die Frauen frage sich, warum die Lusche nicht gerade dasteht – er ist doch schließlich ein Mann.

Der Mann steht dann da und denkt sich, er habe doch alles getan, er ist aber immer noch nicht “richtig” – dann muss er jetzt wohl noch mehr tun: emotional und auch sonst.

Die Frau ist noch genervter – denn egal was er tut, sie will doch nur, dass er endlich zu sich steht und er wähnt sich wieder nicht richtig.

Nicht richtig erfolgreich im Berufsleben, nicht emotional richtig, nicht der gute Vater der Kinder oder einfach nur der gute Beziehungspartner.

Dann rennt er weiter und am Ende steht tatsächlich der Burnout.

So ähnlich habe ich das um mich herum und auch ein wenig bei mir selbst beobachten können.

Ich glaube nicht, dass es sich als Mann rücksichtslos und ignorant besser lebt, sondern aufrecht klar und so frei wie möglich.

Und dabei mit einer Verantwortung für mein Leben, die ich gerne trage.

Damit meine ich überhaupt nicht Larifari und “jeder wie er mag”. Verantwortlich und entschieden.

Das kann dann auch die Entscheidung sein, durch eine schwere Zeit zu gehen.

Und frei meint nicht, dass ich Dinge nicht zu Ende bringen wollte. Nur, dass ich mir immer wieder die Freiheit herausnehme, zu überprüfen, wie es mir mit den Personen, Situationen und Projekten, mit denen ich in Beziehung bin, geht.

Und wenn es zu schwer erscheint, dann setze ich mich halt hin und überlege, was da los ist und wie ich eine Lösung für meine Situation schaffen kann.

Und so möchte ich auch meiner Partnerin begegnen.

Was das dann konkret heißt, ist von beiden abhängig und allgemein schwer zu sagen.

Ich will mir einfach – auch wenn sich das erst mal anstrengend anhören mag – jeden Tag die Frage stellen dürfen, ob ich hier am richtigen Ort bin und mich wohl fühle. Und wenn das nicht so ist, wie ich mich gerne verändern möchte.

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