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Thomas Lojek und Isabel Allende: Das Geheimnis der Liebe

Interview: Thomas Lojek und Isabel Allende

Thomas Lojek und Isabel Allende im Gespräch: über Liebe, Werte, Familie und das Geheimnis langjähriger Beziehungen.

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Isabel Allende © Lori Barra

Isabel Allende gehört zu den ganz großen Autorinnen der Gegenwart: über 50 Millionen verkaufte Bücher, ihr Roman „Das Geisterhaus“ ist ein bedeutsamer Klassiker der modernen Weltliteratur, ihre Romane „Eva Luna“, „Von Liebe und Schatten“ und „Paula“ bewegten Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.

Isabel Allendes Romane vermengen Traum und Wirklichkeit, verbinden Poesie und Realismus und sind durchzogen von den Einflüssen der südamerikanischen Lebensweise.

Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin ist Isabel Allende eine bedeutende Stimme im weltweiten Bemühen um Emanzipation und Frauenrechte.

Thomas Lojek ist der Autor von „Das geheime Muster der Liebe“, „Die Gefühle der Männer, „Einen Mann emotional dauerhaft binden“ und „Wahre Liebe statt Geliebte sein“.

In diesem Interview unterhalten sich Isabel Allende und Thomas Lojek über die Liebe, Unterschiede zwischen Mann und Frau, über die Frage, wie man sich ein lebenswertes Leben zwischen Familie und Selbstentfaltung erarbeitet, und darüber, wie man sich die Magie der Liebe auch innerhalb langjähriger Beziehungen bewahrt.

Liebe und Leben zwischen Hingabe und Selbstverwirklichung

Thomas Lojek: Liebe Isabel, du hast als Autorin Weltruhm erlangt und trotzdem erinnerst du sowohl in deinen Werken als auch persönlich immer wieder daran, dass nur die Liebe zu den Menschen, die einem nahestehen, von echter Bedeutung ist.

Das Weltbild unserer Zeit suggeriert allerdings sehr oft eine ganz andere Richtung in der allgemeinen Lebensauffassung: Dass wir mit Selbstverwirklichung und Erfolg anfangen sollten, weil der persönlichen Selbstentfaltung dann sehr sicher glückliche Beziehungen und starke Familienbande folgen werden.

Wie siehst du das? Ist die Annahme dahinter real? Oder führt diese Einstellung innerhalb unserer Gesellschaft nicht eher zu immer mehr Menschen, die konstant unzufrieden sind und die echte Chancen auf bedeutsame Bindungen immer wieder verpassen, weil sie fortlaufend den Eindruck haben, sich erst verwirklichen zu müssen, um lieben zu können?

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Isabel Allende © Lori Barra

Isabel Allende: Das ist sicherlich keine einfache Frage von Schwarz oder Weiß. Es ist wichtig, im Leben eine Balance zwischen dem Selbst und dem Wir zu finden.

Ganz besonders Frauen wurden über Jahrhunderte dazu erzogen, sich selbst zum Wohle der Familie aufzuopfern, für die Gemeinschaft und nicht selten für ihr Land.

Männer werden dagegen seit jeher dazu ermutigt, zuerst an sich selbst zu denken. Wenn heute gesagt wird, dass Selbstbezogenheit in unserer Gesellschaft dazu führt, dass immer mehr Menschen alleine und unglücklich leben, reden wir dann nicht auch immer unterschwellig über die Rolle der Frau in diesen Zusammenhängen?

Vielleicht auch gerade deswegen, weil Ehrgeiz, Gier und das Verlangen nach einer Karriere bisher als rein männliche Eigenschaften angesehen wurden?

Ich wäre vorsichtig mit zu einfachen Antworten auf diesem Gebiet – vor allem, wenn es darum geht, aus diesen Gründen heraus die Emanzipation als Ursache für die bestehende Krise der zwischenmenschlichen Beziehungen auszumachen.

Ein Leben mit Neugierde, Liebe und Selbstentfaltung füllen

Thomas Lojek: Durch meine Arbeit als Autor und Berater im Bereich Liebe und Beziehungen begegne ich immer wieder einem bestimmten Phänomen: Viele Frauen in Europa haben den Eindruck, dass ihnen die Emanzipation und der gesellschaftliche Druck, Karriere machen zu müssen, einen bedeutsamen Teil ihrer Seele genommen hat – die Fähigkeit zu weiblicher Sinnlichkeit und echten Emotionen.

Sie sind gesellschaftlich erfolgreich, aber sie sind nicht glücklich: zu viel Kopf und zu wenig Herz!

Du selbst bist eine bedeutsame Stimme in den weltweiten Bemühungen um mehr Emanzipation und gesellschaftliche Fortschritte für Frauen – und deine Werke sind sehr wohl erfüllt mit weiblicher Sinnlichkeit und Emotionen.

Kannst du meinen Leserinnen deine persönliche Sichtweise schildern, was der entscheidende Unterschied zwischen Kopf und Herz in einem lebenswerten Feminismus ist?

Isabel Allende: Frauen sind in unserer heutigen Zeit dem Druck ausgesetzt, im Arbeitsleben mit Männern konkurrieren und trotzdem weiter den größten Teil der Verantwortung für Haushalt und Kinderziehung tragen zu müssen.

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Isabel Allende © Lori Barra

Und da oben drauf kommt dann noch zusätzlich die Anforderung, dass sie emotional stabil, möglichst gelassen und sinnlich sein sollten.

Natürlich modisch up to date und möglichst für immer jung und schön sollten sie bleiben …

Ist das nicht ein bisschen viel verlangt von einem menschlichen Wesen?

Ich glaube nicht, dass Männer sich das in diesem Umfang antun würden. Und schon gar nicht bis zu diesem absurden Grad an Unsinnigkeit.

Dieses zweierlei Maß war für mich persönlich sehr schwer, als ich noch jünger war.

Ich hatte nie besonders viel Unterstützung von meinem ersten Mann – weder emotional noch ganz praktisch im Alltag.

Über viele Jahre jonglierte ich mit zwei oder drei Jobs gleichzeitig, um meine Kinder unterstützen zu können. Und ehrlichweise auch, weil ich einfach neugierig, hyperaktiv und voller Ideen war.

Ich habe sehr viel gearbeitet – aber ich war glücklich.

Mein Leben war sehr erfüllt und ich hätte es niemals eingetauscht gegen ein ruhigeres und sichereres Leben.

Ich habe den Preis des Feminismus niemals für mich in Frage gestellt. Oder den Preis für Unabhängigkeit und Selbstentfaltung.

Welchen Preis ich auch immer gezahlt habe – er bedeutete mir nichts im Vergleich zu der Freude, die ich dadurch erfahren konnte.

Statt die Emanzipation als die Ursache für die allgemeine Unzufriedenheit unserer Gesellschaft auszumachen – warum beschäftigen wir uns nicht viel mehr mit den anderen Gründen wie Konsumdenken, Materialismus, Mangel an Spiritualität, Mangel an Zusammenhalt, Reizüberflutung etc.?

All das beeinflusst sowohl Mann als auch Frau im gleichen Maße.

Über das Verhältnis von Mann und Frau in der Welt

Thomas Lojek: Bist du der Meinung, dass sich die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in den letzten Jahrzehnten verändert haben – auch in Hinblick auf die Werte, die ihnen zugrunde liegen?

Hat das Verhältnis von Mann und Frau Fortschritte gemacht? Oder bleibt es auf vielen Ebenen blockiert?

Erleben wir in manchen Bereichen vielleicht sogar wieder Rückschritte in den Werten und Beziehungen zwischen Mann und Frau?

Isabel Allende: Generell würde ich sagen, dass sich die Beziehungen zwischen Mann und Frau deutlich verbessert haben – allerdings abhängig von der jeweiligen Kultur.

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Isabel Allende © Lori Barra

Es gibt immer noch Millionen von Menschen, an denen diese Entwicklungen vorbeiziehen und die festgehalten werden in religiösen Überzeugungen und traditionellen Verhaltensmustern.

Immer noch werden junge Mädchen an Männer verheiratet, die dreimal so alt sind wie sie selbst. Männer kontrollieren und beuten immer noch die weiblichen Mitglieder ihrer Familien aus.

Immer noch verkaufen Väter ihre Töchter für erzwungene Ehen oder als billige Arbeitskräfte. Immer noch gibt es Ehrenmorde und exzessive häusliche Gewalt.

Den jungen Menschen in den modernen Industrienationen geht es wesentlich besser: Traditionelle Erwartungen und Begrenzungen bestimmten nicht mehr ihr Leben.

Im besten Falle können sie sich ausprobieren und ganz unterschiedliche Formen von Beziehungen testen – in einer Art und Weise, die für vergangene Generationen unvorstellbar gewesen wäre.

Darum bin ich recht optimistisch, was die Zukunft der zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Sie werden besser ausfallen als die Beziehungen der Vergangenheit, das ist sicher. 

Ein Problem sehe ich allerdings: Nur wenige junge Menschen sind noch dazu bereit, die Risiken echter Gefühle einzugehen.

Sich selbst zu erlauben, sich aufrichtig zu verlieben, und das Risiko einzugehen, in einer echten und verbindlichen Partnerschaft zu leben, setzt Mut voraus.

Man muss bereit sein, auch mal Kummer in Kauf zu nehmen und sich hin und wieder mit einem gebrochenen Herzen auseinandersetzen zu müssen – sonst wird man niemals wahre Liebe erfahren.

Die alltägliche Magie in einer wahren großen Liebe

Thomas Lojek: Eine gute Geschichte sollte immer etwas Traumhaftes haben, das einen besonderen Zauber vermitteln kann – aber sie muss auch auf einem festen erzählerischen Boden stehen, der sie glaubhaft und überzeugend macht.

Gute Liebesbeziehungen funktionieren ähnlich: Sie brauchen einen besonderen Zauber, aber ebenso einen gesunden Sinn für die Realität, um gemeinsam auch mal durch die schwierigen Zeiten des Lebens zu kommen.

Was würdest du sagen: Wie bewahrt man sich im Leben den Zauber für seine Liebesbeziehungen, ohne den gesunden Kontakt zum Boden unter den Füßen zu verlieren?

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Isabel und Willie © Lori Barra

Isabel Allende: Es ist sehr schwer, die Magie in lang andauernden Beziehungen aufrechtzuerhalten, ganz besonders innerhalb einer Ehe.

Ich war mit meinem ersten Mann 29 Jahre verheiratet – ich habe ihn mit 15 Jahren kennengelernt.

Und mit meinem zweiten Mann, Willie, bin ich jetzt seit 26 Jahren zusammen.

Mit meinem ersten Mann habe ich zwei wundervolle Kinder bekommen und ich war über viele Jahre sehr glücklich, aber wir haben uns auseinandergelebt, nachdem wir nach dem Militärputsch in Chile 1973 ins Exil gehen mussten.

Mein Mann nahm einen Job an, der weit entfernt von mir war, und wir sahen uns immer weniger.

Die Magie starb zwischen uns und am Ende stand die Scheidung.

Mein heutiger Mann Willie und ich mussten einige sehr schwere Zeiten durchstehen.

Meine Tochter Paula starb, dann starb seine Tochter Jennifer und vor kurzem verloren wir auch noch seinen jüngsten Sohn Harleigh.

Drei gestorbene Kinder in einer Familie … das würden die meisten Beziehungen nicht überleben.

Aber irgendwie haben Willie und ich es geschafft, diese Tragödien gemeinsam zu überstehen und zudem kulturelle Unterschiede zwischen uns zu überwinden.

Wir haben über die Jahre regelmäßig gemeinsame Therapien gemacht, um über unsere Schwierigkeiten hinwegzukommen und uns emotional zu öffnen.

Der Umstand, dass wir beide kreative Menschen sind – wir sind beide Schriftsteller – und dass wir gemeinsame Ideen und einen ähnlichen Geschmack haben, hilft ebenfalls sehr, die Magie zwischen uns lebendig zu halten.

Jede erfolgreiche Liebesbeziehung braucht zu Anfang einen Funken, der das Feuer entfacht und dann die gegenseitige Entschlossenheit, dieses Feuer auch in Gang zu halten.

Isabel Allende und ihr Mann Willie Gordon © by Lori Barra

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Informationen zu Isabel Allende

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Homepage Isabel Allende

Informationen zu Thomas Lojek

Bücher von Thomas Lojek

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Männliche Muster der Liebe

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Warum glückliche Beziehungen kein Zufall sind

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Thomas Lojek und Peter Prange: Muse, Werk und Liebe

Interview Thomas Lojek und Peter Prange: Die Muse, das Werk und die Liebe

Thomas Lojek und Peter Prange im Gespräch:

Über bedeutsame Werke der Weltgeschichte, die besonderen Frauen hinter diesen Werken und die ewige Suche nach Glück und Bedeutung in Kunst, Liebe und Leben.

Peter Prange © FinePic

Peter Prange © FinePic

Peter Prange gehört zu den erfolgreichsten deutschen Roman-Autoren der Gegenwart.

 Seine Romane „Das Bernstein-Amulett“ (2004 verfilmt), „Die Principessa“, „Die Philosophin“, „Der letzte Harem“ und „Der Kinderpapst“ waren nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch international Bestseller.

Seine Bücher beschäftigen sich mit dem Leben bedeutsamer Figuren, die eine besondere Rolle in wichtigen historischen und kulturellen Fortschritten oder wesentlichen Umbruchsphasen gespielt haben.

Thomas Lojek ist der Autor von “Gebrauchsanleitung Mann”, “Das geheime Muster der Liebe” und “Einen Mann emotional dauerhaft binden”.

In diesem Interview sprechen Thomas Lojek und Peter Prange über die tiefere Bedeutung einer Muse für Kunst und Leben, über die verborgene Botschaft großer Kunstwerke und die Frage, was Kunst und Liebe verbindet.

Die Liebe besonderer Frauen und die Werke großer Männer

Thomas Lojek: In deinem Roman „Die Principessa“ gibt es eine sehr ungewöhnliche Konstellation: Zwei hochbegabte Architekten konkurrieren im Rom des 17. Jahrhunderts um die Liebe einer besonderen Frau und erschaffen darüber außergewöhnliche Werke der Baukunst.

Mich hat die Grundidee des Romans von Anfang an fasziniert und mich würde interessieren, ob dahinter nur eine spannende Geschichte oder auch ein bestimmter Einblick in das Wesen von Mann und Frau steht?

Gibt es aus deiner Sicht eine besondere Verbindung zwischen der Liebe der Frauen und dem Verlangen des Mannes, über sich selbst hinauszuwachsen?

Peter Prange: Unbedingt ja. “Cherchez la femme” – “Suchen Sie die Frau”, lautet eine französische Redensart. Soll heißen: Wenn Männer etwas wirklich Außergewöhnliches tun, steckt dahinter sehr, sehr oft eine Frau. Dieses Muster ist älter als der Mensch.

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Bei fast allen Tierarten lässt es sich beobachten: Das Männchen will dem Weibchen imponieren, um dessen Liebe zu gewinnen – und dafür ist ihm keine Anstrengung zu groß.

Ein lustiges Beispiel dafür, dass wir Menschen-Männchen nicht viel anders funktionieren, ist der bayrische Schuhplattler. Anthropologen haben heraus gefunden, dass diese spezifisch bajuwarische Art der Brautwerbung bis in die einzelnen Figuren hinein dem Balz-Tanz der Auerhähne nachgebildet ist.

In meinem Roman “Die Principessa” ist es die Rivalität der beiden größten Architekten des römischen Barock, Lorenzo Bernini und Francesco Borromini, die sie im Werben um eine Frau zu immer wieder neuen architektonischen Großtaten anspornt.

Und ich bin fest davon überzeugt, dass Barack Obama nicht amerikanischer Präsident geworden wäre, hätte er nicht seiner Michelle imponieren wollen.

Der Kuss, mit dem sie ihn bei der Vereidigung belohnte, war für ihn – das war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben – wichtiger als die Gratulationen der Staatspräsidenten aus aller Welt und der Jubel des Volkes.

Die Muse und ihr Künstler – große Liebe, große Kunst

Thomas Lojek: Das Motiv der Frau, die einen besonderen Einfluss auf Kunst und Fortschritte der Menschheitsgeschichte hat, ist ein Motiv, das du öfter aufgreifst.

„Die Philosophin“ schildert die Liebe zwischen der jungen Sophie und Denis Diderot, der mit der Herausgabe der Encyclopédie ein wesentliches Werk der Aufklärung geschaffen hat.

„Himmelsdiebe“ erzählt von der besonderen Beziehung zwischen Max Ernst und seiner Muse Leonora Carrington.

Was sind das für Eigenschaften, die eine Frau zu einer besonderen Muse für einen besonderen Mann machen?

Schönheit allein kann es nicht sein – es gibt genügend Beispiele von Musen berühmter und einflussreicher Männer, die alles andere als außergewöhnlich schön waren.

Und doch waren sie fähig, den Mann zu Größe anzuspornen und ihn mehr zu beeinflussen und an sich zu binden als alle anderen Frauen.

Was ist aus deiner Sicht das Geheimnis dieser Frauen?

Nach welchen Eigenschaften suchst du in deinen weiblichen Hauptfiguren – egal, ob fiktiv oder historisch verbürgt –, damit sie die Rolle der besonderen Muse innerhalb deiner Geschichte glaubhaft erfüllen können?

Peter Prange ©

Peter Prange © teutopress

Peter Prange: Lass mich mit einer Paradoxie antworten. Ich glaube, die wesentliche Eigenschaft, die eine Frau haben muss, um einen Mann als Muse zu inspirieren, ist, dass sie viel mehr ist als eine Muse.

Um ihn zünden zu können, muss sie ihm geistig ebenbürtig sein – wenn nicht mehr. Das gilt auch für die beiden Frauenfiguren in meinen Romanen, die Du ansprichst.

Fangen wir mit der “Philosophin” an. Als Sophie in Diderots Leben tritt, hat sie – bedingt durch ein traumatisches Erlebnis in ihrer Kindheit – noch regelrecht Angst vor dem Abenteuer des Denkens.

Doch je mehr sie sich auf den Mann und dessen Abenteuer, eben das Denken, einlässt, umso mehr greift sie selber in das Geschehen ein, wird Muse, geistige Gefährtin, Widerpart – um schließlich durch ihre Intervention Diderots Lebenswerk, sprich: das enzyklopädische Projekt, zu retten.

Ähnlich die Konstellation in den “Himmelsdieben”.

Ist Max am Anfang der Beziehung der große Zauberer und Leonora seine Windsbraut, kehrt sich im Verlauf der Geschichte die Beziehung um: Der Zauberlehrling wächst dem großen Zauberer über den Kopf.

Leonora geht den Weg, den Max ihrer beider Beziehung und ihrer beider Kunst vorgezeichnet hat, viel weiter und radikaler zu Ende als er selbst.

Deshalb würde ich sagen, das Bild der klassischen weiblichen Muse, die einseitig, in gleichsam dienender Funktion, den männlichen Künstler inspiriert, ist nicht mehr zeitgemäß – falls es das überhaupt jemals war. 

Inspiration ist keine Einbahnstraße, sondern ein geistiges Wechselspiel, das darum auch genauso gut umgekehrt zwischen Mann und Frau verlaufen kann.

Um ein Beispiel zu zitieren, nenne ich den kürzlich erschienenen Roman “Warte auf mich”, von Philipp Andersen und Miriam Bach.

Beide Protagonisten sind Schriftsteller, beide verzehren sich in einer großen, unmöglichen Liebe, beide inspirieren einander in ihrer Arbeit – so sehr, dass am Ende nicht mehr zu unterscheiden ist, was ihr Roman und was ihr Leben, wer Künstler und wer Muse ist.

Suche nach Sinn und Bedeutung durch Liebe und Gemeinsamkeit 

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Thomas Lojek: Wenn man aus dieser Perspektive betrachtet, bilden Künstler, Muse und Werk dann nicht im Grunde eine unsichtbare, verborgene Einheit, die sich erst in der Erschaffung des Werkes vollständig zeigt und zusammenfügt?

Und sich vielleicht auch erst darüber bewährt und zu echter Bedeutung findet?

So betrachtet, erscheint diese Verbindung innerhalb der Kunst fast wie eine universelle Allegorie der Liebe – denn wenn man genauer hinschaut, ist es genau das, was Mann und Frau auf den unterschiedlichsten Ebenen des Lebens tun.

Sie finden zusammen, um Familien zu erschaffen.

Sie streiten und versöhnen sich, um ein gemeinsames Leben zu erschaffen.

Und sie ringen um Werte und Ansichten, um einen gemeinsamen Lebensweg zu finden.

Ist Kunst Liebe?

Vielleicht sogar eine höhere Form von Liebe, in der sich Künstler, Muse und Werk zusammenfinden, um der Welt etwas von besonderem Wert zu hinterlassen?

Kann Kunst auf diese Weise vielleicht sogar ein Ansporn sein, sich im Leben nicht nur mit der Position des Betrachters und Bewunderers zufriedenzugeben, sondern selbst nach dieser Dynamik – nach Aufgaben, Menschen und Verbindungen – zu suchen, die diese Formen der Liebe in das eigene Leben bringen können?

Peter Prange: Ja, das ist der Kern einer solchen Beziehung – gegenseitige Befruchtung, in der Kunst wie in der Liebe.

Um gemeinsam etwas zu erschaffen, das größer und bedeutender ist als das, was die Beteiligten allein  je erschaffen könnten.

So wie zwei Menschen sich nicht nur um ihrer selbst, sondern auch um jenes Lebens willen lieben, das sich für sie im jeweils anderen verkörpert, so suchen Künstler und Muse einander, um durch und mit dem anderen jene höhere Form von Kunst zu zeugen, die beide für sich nur vage erahnen, in der gemeinsamen Symbiose aber konkretisieren können.

Auch hier ist der Roman “Warte auf mich” von Philipp Andersen und Miriam Bach ein schönes Beispiel.

Aus dem Zusammenspiel der Protagonisten entsteht in doppelter Hinsicht neues Leben, in Gestalt eines gemeinsamen Buches , als “Roman im Roman” – und in Gestalt eines …

Aber das wird hier nicht verraten.

Der geheime Code des Lebens im ewigen Spiel der Liebe

Thomas Lojek: Du hast durch die Weltenbauer-Trilogie und die nachfolgenden Romane durchaus einige Jahre in den Fußstapfen großer Männer, großer Kunst und außergewöhnlicher Frauen verbracht.

Hast du aus den Zusammenhängen in diesen Geschichten auch etwas für dich selbst gelernt?

Etwas aus diesen Erfahrungen mit in dein eigenes Leben genommen?

Peter Prange ©

Peter Prange © Prange

Peter Prange: So seltsam es klingen mag:

Obwohl ich historische Romane schreibe, ist mein ganzes Schreiben eigentlich nichts weiter als eine einzige Auseinandersetzung mit mir selbst, ein Rühren in der geistigen Ursuppe, aus der ich hervor gegangen bin, ein Versuch, erzählend den Code von tausend Jahren europäischer Geistesgeschichte zu knacken, der unser Denken und Fühlen so nachhaltig prägt wie der genetische Code in unserer DNS.

Dabei kreisen meine Romane, gleichgültig, in welcher Epoche sie spielen, immer wieder um zwei zentrale Fragen:

Wie können wir auf Erden glücklich sein?

Und: Wie erfinden wir das uralte Spiel der Liebe immer wieder aufs Neue?

In einem Satz: Wenn ich dem Schicksal der großen Männer und außergewöhnlichen Frauen nachspüre, die meine Romane bevölkern, dann tue ich dies also in der Hoffnung, auf diese Weise mir selber Schritt für Schritt auf die Schliche zu kommen – um so mein eigenes Leben bewusster, genauer: selbst-bewusster zu gestalten.

Und wenn meine Leserinnen und Leser sich im Spiegel meiner Geschichten ähnlich wieder erkennen, dann ist die Arbeit nicht umsonst gewesen.

Neben seiner Tätigkeit als Autor von historischen Romanen macht Peter Prange regelmäßig Ausflüge in die kulturhistorische Theorie.

Sein Hand- und Lesebuch „WERTE. Von Plato bis Pop“ ist ein Reiseführer durch die europäische Geistesgeschichte, quer durch alle Epochen und Kulturkreise (http://www.peterprange.de/buch/werte).

Dem großen Thema Männer und Frauen galt bereits seine Dissertation: “Das Paradies im Boudoir. Glanz und Elend der erotischen Libertinage im Zeitalter der Aufklärung“.

Zur Homepage von Peter Prange

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Platz da, ich lebe! Herausgeber: Peter Prange

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Das Kinder- und Jugendhospiz Balthasar betreut Kinder und Jugendliche, für die es keine Heilung mehr gibt. “Platz da, ich lebe!” ist ihr kleines Denkmal.

Auf diese Weise bleibt uns etwas von ihnen, wenn sie selbst nicht mehr da sind: Von jedem Kind eine letzte Botschaft für seine Familie – und für uns alle.

Der Erlös dieses Buches geht an das Kinder- und Jugendhospiz Balthasar.

Sie können das Hospiz mit Ihrer Spende unterstützen:
Kinder- und Jugendhospizstiftung
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Zur Homepage: Kinderhospiz Balthasar