Interview mit Douglas London (CIA ret.): Special Forces in der Ukraine

Zu Gast im Interview

Douglas London (CIA ret.)

Douglas London hat 34 Jahre in der CIA gearbeitet, bis er 2019 in den Ruhestand ging. Er verbrachte den größten Teil seiner Karriere im Ausland und diente im Nahen Osten, in Südasien, in den ehemaligen Sowjetrepubliken und in Afrika, darunter in drei Einsätzen als Stationschef und in einem Einsatz als Chef der CIA-Basis in einer Konfliktzone.

​Zusätzlich zu seiner Auslandserfahrung war Douglas London ein gefragter CIA-Fachmann für Terrorismusbekämpfung, Spionageabwehr, Iran, Cyberwarfare und für verdeckte Operationen in feindlichen Gebieten. Er war zudem als Ausbilder für Geheimdienste tätig.

Seit seiner Pensionierung unterrichtet Mr. London an der Walsh School of Foreign Service der Georgetown University, ist Non-Resident Fellow am Middle East Institute und schreibt über Themen der nationalen Sicherheit.

Er hat Beiträge für die New York Times, Foreign Affairs, Foreign Policy, Politico, Just Security, The Hill, CNN Online und das Middle East Institute verfasst.

Herr London ist regelmäßiger Kommentator für CNN, MSNBC, Fox, PBS News Hour, NPR, NBC, ABC, BBC und al-Jazeera.

Douglas London ist Autor von „The Recruiter: Spying and the Lost Art of American Intelligence“, Hachette Books, 28. September 2021.

Autor: Thomas Lojek

Thomas Lojek ist Buchautor (Krimis und historische Romane), Redakteur und Verleger.

Zu seinen Themen gehören europäische Geschichte, Sicherheitspolitik und internationale Konflikte.

Er verfügt über exzellente Beziehungen zu internationalen Spezialeinheiten, Militär und in der Sicherheitsbranche.

Der Krieg in der Ukraine: Klassische Special Forces Missionen und der neue „Kalte Krieg“ der Geheimdienste

Thomas Lojek: Welche operativen Optionen haben die westlichen Verbündeten in der Ukraine?

Douglas London: Der Krieg in der Ukraine ist der perfekte Boden für Spezialeinheiten und Geheimdienste.

Je nach Grad der Risikotoleranz können westliche Special Operations und Geheimdienstmitarbeiter verdeckt in der Ukraine operieren oder indirekt von der Grenze aus arbeiten, um zum Beispiel lokale Widerstandsgruppen auszurüsten, auszubilden und mit Geheimdienstinformationen zu unterstützen.

Diese Form von Spezialeinheiten geben lokalen ukrainischen Gruppen kontinuierliche Anleitung, Ausbildung, Aufklärung, um wirksame Sabotage- und Guerillakriegsmissionen gegen die russische Armee auf ukrainischem Territorium durchzuführen.

In diesem Krieg kommt klassische „old school“ Special Forces Arbeit zum Einsatz, wie wir sie aus dem „Kalten Krieg“ und den Erfahrungen des französischen und norwegischen Widerstands während des Zweiten Weltkriegs kennen.

Geheimdienste spielen in einem Konflikt von dieser globalen Bedeutung grundsätzlich immer entscheidende Rolle bei der Beurteilung der Lage vor Ort, der Identifizierung feindlicher Schwachstellen, der Messung des Erfolgs auf dem Schlachtfeld und der Unterscheidung von Wahrheit und Desinformation.

Westliche Verbündete brauchen in der Ukraine für ihre strategischen Entscheidungen vor allem Kontext und Informationen direkt von den Einsatzgebieten, um eine langfristig erfolgreiche Unterstützung des Widerstandes vor Ort planen und durchführen zu können.

Sie brauchen zudem direkte, objektive Informationen, um russische Propaganda widerlegen zu können und die russischen Planungen zu unterlaufen.

Aber auch die Russen wissen natürlich, wie man das Geheimdienstspiel spielt.

Sie sind eine Nation, in der Spionage, Nachrichtendienste und die Manipulation von Informationen und öffentlicher Meinung eine lange Tradition haben.

Was wir in der Ukraine erleben, ist auf vielen Ebenen also ein neuer, aber uns aus der Geschichte auch vertrauter, „Kalter Krieg“ der Geheimdienste und Spezialeinheiten.

Die Wahrscheinlichkeit eines taktischen Atomschlages in der Ukraine

Thomas Lojek: Wie weit ist Putin bereit zu gehen? Glauben Sie, dass er in der Lage ist, den Befehl zu, Massenvernichtungswaffen einzusetzen, um die so erfolgreichen ukrainischen Truppen aufzuhalten?

Douglas London: Ich denke, es ist riskant, jede Möglichkeit auszuschließen, wenn es um Putin geht.

Je verzweifelter und unsicherer er sich fühlt, desto größer ist das Risiko, dass er eskaliert.

Obwohl ich keine hohe Wahrscheinlichkeit sehe, werde ich nicht einmal einen begrenzten taktischen Atomschlag ausschließen.

Aber ich gehe davon aus, dass seine Annahme, dass dies einen umfassenden Krieg mit der NATO auslösen würde, selbst wenn die Waffe nur in der Ukraine eingesetzt würde, dieses Szenario weniger wahrscheinlich macht.

Der Einsatz biologischer oder chemischer Waffen, die generell umfangreicher im russischen Militär integriert sind, könnten dagegen ein größeres Risiko sein.

Es könnte Putin und den russischen Generälen an bestimmten Punkten verlockend erscheinen, diese Waffen einzusetzen, um die eigenen Verluste zu reduzieren.

Die Geschichte hat uns einige schmerzhafte Lektionen gelehrt, wie die Dinge enden können, wenn man die Bereitschaft von Despoten unterschätzt, extreme Maßnahmen für das Erreichen ihrer Ziele anzuwenden.

Kommt es zu einem Attentat auf Putin?

Thomas Lojek: Wie wahrscheinlich ist eine interne Revolte im Kreml oder ein Attentatsversuch auf Putin, um den Krieg zu beenden?

Douglas London: Russland hat in der Vergangenheit führende Politiker oder politische Persönlichkeiten immer wieder durch Attentate oder Staatsstreiche entfernt.

Manche still und hinter den Kulissen, andere weniger still und heimlich.

Im Fall von Putin halte ich die Möglichkeit für gering, aber generell nicht zu vernachlässigen.

Von den oberen Rängen im Kreml könnte man eine solche Aktion eigentlich für wenig wahrscheinlich halten, aber der sowjetische Führer Nikita Chruschtschow wurde 1964 auch von seinem vertrauenswürdigsten Leutnant, Leonid Breschnew, verdrängt.

Putin hatte zwanzig Jahre Zeit, um sein Macht- und Kontrollsystem in den Eliten von Russlands zu etablieren und zu sichern, was es nun den Einzelnen schwer macht, gegen ihn vorzugehen.

Putins Missgeschicke in der Ukraine müssten für die anderen russischen Führer so existenziell bedrohlich werden, dass es aus ihrer Sicht keine andere Lösung mehr gibt als einen Versuch, ihn zu beseitigen.

Die Umstände sind wahrscheinlich noch nicht reif genug, zumindest nicht jetzt.

Es würde mich allerdings nicht wundern, wenn irgendwann von den Oligarchen ein Versuch unternommen wird, Putin loszuwerden.

Russlands Multimilliardäre haben das politische Netzwerk und das Geld, um einen solchen Plan ausführen zu können.

Vielleicht, wenn sie sich bald entscheiden, dass der Krieg auf der wirtschaftlichen Seite für Russland zu kostspielig wird – und natürlich für sich selbst – könnten Elemente aus diesen Kreisen den Versuch wagen, Putin zu entfernen.

Viele von ihnen haben durch den Krieg bereits beträchtliche Vermögen verloren.

Vielleicht entscheiden sie sich irgendwann: „Genug!“.

Immerhin sind es mächtige Persönlichkeiten.

Ich halte dieses Szenario nicht für sehr wahrscheinlich, aber es ist nicht unmöglich, wenn sich der Krieg weiter so desaströs hinzieht und die russische Wirtschaft dadurch über Gebühr belastet wird.

Photos: Douglas London