Interview mit James Stejskal: Berlin, Spione, Kalter Krieg, Ukraine

Zu Gast im Interview

James Stejskal

James Stejskal ist Autor und Militärhistoriker. Er verbrachte zuvor 35 Jahre im Dienst der US Army Special Forces (Green Berets) und der Central Intelligence Agency (CIA). Zu seinem Erfahrungen gehören Missionen in Afrika, Europa, dem Balkan, dem Nahen und im Fernen Osten, sowie in den Berlin Special Forces während den Jahren des kalten Krieges. 

Autor: Thomas Lojek

Thomas Lojek ist Buchautor (Krimis und historische Romane), Redakteur und Verleger.

Zu seinen Themen gehören europäische Geschichte, Sicherheitspolitik und internationale Konflikte.

Er verfügt über exzellente Beziehungen zu internationalen Spezialeinheiten, Militär und in der Sicherheitsbranche.

Berlin Special Forces: Amerikas Geheimwaffe im Kalten Krieg

Thomas Lojek: James, kannst du meinen Lesern erklären, was deine Einheit US Special Forces Berlin „Detachment A“ war und welche Aufgabe ihr während des Kalten Krieges in Berlin hattet?

James Stejskal: Special Forces Berlin wurde 1956 in Berlin als geheime Einheit für Einsätze hinter den Linien während des Kalten Krieges gegründet.

Ihre Mission war es, sich auf den Fall vorzubereiten, dass die Sowjetunion Westeuropa angreifen würde.

Unsere Einheit war bereit, den Krieg mit unkonventioneller Mitteln, d. h. Guerillakrieg, zum Feind zu bringen.

Dazu gehörten: Eisenbahnlinien sabotieren, kritische Infrastruktur zerstören – vor allem Stromnetze, Brücken, Versorgungsdepots.

Und natürlich die Kommando- und Kontrollzentren des Feindes auszuschalten.

Unsere Taktiken folgten den American Office of Strategic Services (OSS) und dem British Special Operations Executive SOE aus dem Zweiten Weltkrieg.

Unsere Einheit existierte unter zwei Tarnnamen, zuerst als Detachment „A“ von 1956 bis 1984 und dann als Physical Security Support Element (PSSE) von 1984 bis 1990.

Der klassifizierte Name des Detachment „A“ war 39th Special Forces Detachment und PSSE’s war 410th Special Forces Detachment.

Das geheime Netzwerk gegen die Agenten des Warschauer Pakts

Thomas Lojek: Welche Strategie hatten die Russen damals gegen euch?

Wie haben sie versucht, eure Ziele und die Präsenz von Detachment A in Berlin zu unterwandern?

James Stejskal: Die Russen haben SF Berlin zu jeder Zeit als deutliche Bedrohung eingeschätzt.

Der russische Geheimdienst schätzte die Stärke unserer Spezialeinheit auf rund 900 Männer in Berlin, eine 10-fache Überschätzung.

Sie beauftragten ostdeutsche MfS-„Stasi“- und KGB/GRU-Mitarbeiter, herauszufinden, wo genau in Berlin sich unsere Einheit befand.

Damit wir am Tag X „neutralisiert“ werden konnten.

Mehrere Agenten des Warschauer Pakts wurden während den Versuchen, uns zu finden, festgenommen.

Unsere Taktik gegen die Russen war eigentlich sehr einfach: „Vermeide es, identifiziert zu werden!“

Wir arbeiteten sehr effizient im Verborgenen.

Die Russen konnten uns keinen bestimmten Zielort zuordnen.

Dazu hatten wir ein Netzwerk aus geheimen Safe House Stützpunkten und Kontaktzentren, die wir beständig nutzten.

Im Falle eines Krieges, würden wir diese einsetzen und ohne großen Aufwand des Feindes darüber kaum zu finden sein.

Nach dem Fall der Mauer enthüllten uns russische und ostdeutsche Akten, dass die Geheimdienste sehr genau wussten, dass wir vor Ort in Berlin waren.

Doch sie hatten erstaunlich wenig konkrete Informationen, die sie gegen uns verwenden konnten.

Allerdings wäre jede direkte Aktion auch ein direktes One-Way-Ticket nach Walhalla für sie geworden.

Der Fall der Berliner Mauer und das fragile System dahinter

Thomas Lojek: Hast du den Fall der Berliner Mauer kommen sehen?

Den Zusammenbruch der DDR und der gesamten Sowjetunion?

Gab es während deiner Dienstjahre in Berlin Hinweise oder frühe Erkenntnisse darüber, wie zerbrechlich der „Ostblock“ tatsächlich war?

James Stejskal: Es war ein „Unfall“.

Die Öffnung hätte eigentlich so gar nicht stattfinden sollen.

Aber alles geschah teilweise aufgrund einer erstaunlichen Kette von Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen, die von den Beamten und einem Geheimpolizisten begangen wurden, der im Grunde nur sauer auf seine Vorgesetzten war.

Aber das wissen wir erst heute, im Nachhinein.

Bis dahin hatte niemand ein klares Bild, weil der Sicherheitsapparat in Ostdeutschland ziemlich gut funktionierte.

Es gab nicht viele Informationen über Dissidenten oder Widerstandsbewegungen.

Erst später fanden wir heraus, wie fragil die Zustände hinter dem „Eisernen Vorhang“ tatsächlich waren.

Sogar die eigene Bevölkerung der DDR war sich dessen nicht bewusst.

Es hat fast alle überrascht. Vielen Dank, Herr Gorbatschow.

Russlands Krieg in der Ukraine 2022: Szenarien und Risiken

Thomas Lojek: Basierend auf deinen Erfahrungen im Kalten Krieg und dem russischen „Apparat“ dieser Zeit – was denkst du über Russlands Invasion in der Ukraine? Und was bedeutet dieser Konflikt für unsere Zukunft?

James Stejskal: Im Dezember 2021 fragte ich mich noch, ob Russland in seinem Bestreben, die Ukraine zu Vasallen zu machen, tatsächlich militärisch über die Grenze drängen würde.

Jetzt, im Herbst 2022, wurde meine Überzeugung bekräftigt, dass Russland immer eine Bedrohung war und weiterhin eine Bedrohung sein wird.

Russlands Führungsriege, insbesondere Putin, betrauern die Auflösung des Sowjet-Imperiums noch immer und den Verlust von Territorium, das sie historisch als „russisch“ ansehen.

Als Putin in die Ukraine einmarschierte, erwartete er einen schnellen Sieg.

Die Ukraine hat ihm stattdessen gezeigt, was nur wenige erwartet haben: Widerstand.

Selbst ohne vollständige Besetzung hat das Land den erstaunlich vitalen Widerstands eines vereinten Volkes gezeigt.

Ihre Truppen haben sich den Invasoren entgegengestellt.

Sie haben die Russen durch ihre eigenen Angriffe demotiviert.

Die Führungsriege der Ukraine demonstriert uns eine Meisterleistung in Kommunikation, um ihre Bevölkerung, Europa und die gesamten westlichen Länder hinter sich zu vereinen.

Sie haben eine Verteidigung ihres Heimatlandes aufgebaut, die für die russische Armee verheerend war.

Die Ukraine ist ein zeitgemäßes Beispiel dafür, wie ein Land auf eine Invasion durch eine größere Streitmacht reagieren sollte, aber es bleibt noch mehr zu tun.

Über die Ukraine hinaus müssen sich die baltischen Staaten Lettland, Estland, Litauen und andere Länder wie Moldawien als die nächsten Ziele russischer irredentistischer Bedrohungen betrachten.

Diese Länder sollten sich unmittelbar auf die Möglichkeit vorbereiten, dass ihre Grenzen verletzt und ihre Gebiete von Russland besetzt werden.

Mit ihren vergleichsweise winzigen Militärs und einer unsicheren NATO im Rücken wird dann eine der wenigen Optionen, die ihnen bleibt, der Weg aller kleiner Nationen sein – unkonventionelle Kriegsführung durch eine lokale Widerstandstruppe.

Die zusätzlich möglicherweise von Spezialisten aus anderen NATO-Ländern beraten und unterstützt wird.

So wie wir es damals geplant haben in Berlin während des Kalten Krieges.

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Photos: Jahes Stejskal