Interview

Thomas Lojek

Interview mit Fred Burton: Strategen des Terrors

Um für meine Thriller die Strukturen und Vorgehensweisen von terroristischen Organisationen im Untergrund besser zu verstehen, habe ich in mit Terrorismus-Experte und Bestseller-Autor Fred Burton gesprochen.

Thomas Lojek

Manuel Rivera, der Protagonist in meinem Thriller “Liebe und Tod in Blau”, hat jahrelang in einer Spezialeinheit des spanischen Geheimdienstes verdeckt gegen die baskische Terrorgruppe ETA ermittelt. 

Um die Strukturen und Vorgehensweisen von terroristischen Organisationen im Untergrund besser zu verstehen, habe ich in der Recherche zu meinem Roman die Arbeitsweise verschiedener Terrorgruppen studiert.

Dazu gehörte unter anderem die libanesische Hisbollah, die ihr Netzwerk vom Mittleren Osten aus bis weit hinein in Europa unterhält. 

Interessant in diesem Zusammenhang: Sowohl ETA als auch Hisbollah waren von Mitte der 80er bis in die 90er-Jahre durch spektakuläre Anschläge regelmäßig im öffentlichen Bewusstsein präsent.

Doch Ende der 90er bis Mitte der 2000er-Jahre verlor ETA zunehmend die Unterstützung durch die regionale Bevölkerung im Baskenland.

Die Gruppe stellte ab 2006 den bewaffneten Kampf ein und löste sich 2011 offiziell auf. Im Gegensatz dazu wurde Hisbollah sowohl im Mittleren Osten als auch international immer einflussreicher. 

In diesem Zusammenhang stellte ich mir die Frage: Was sind die Unterschiede im operativen Bereich beider Gruppen?

Und warum “scheiterte” eine Organisation im Verlauf der Geschichte, während die andere ganz offensichtlich “triumphierte”? 

Um diesen Zusammenhang genauer zu verstehen, habe ich mit Fred Burton gesprochen, einem internationalen Experten für Terror-Bekämpfung – insbesondere für das Thema Hisbollah.

Fred Burton: Special Agent und Bestseller-Autor

Fred Burton ist ein ehemaliger Special Agent des amerikanischen Diplomatic Security Service (DSS oder DS).

Der DSS ist für den Schutz der amerikanischen Diplomaten im Ausland, deren Informationen und der amerikanischer Einrichtungen im Ausland zuständig.

In den Arbeitsbereich der Behörde fallen damit erhebliche Anteile der internationalen Terror-Bekämpfung, Informationsbeschaffung, Maßnahmen gegen Cyber-Spionage und der Verhinderung von Anschlägen weltweit. 

Er hat an vorderster Front hochkarätiger Ermittlungen gedient, wie der Jagd nach und Verhaftung von Ramzi Yousef, dem Drahtzieher hinter dem ersten Bombenanschlag auf das World Trade Center.

Der Flugzeugabsturz von PAK-1 im Jahr 1988, bei dem der US-Botschafter Arnold Raphel und der pakistanische Präsident Muhammad Zia-ul-Haq ums Leben kamen.

Und die Suche nach Amerikanern, die von der Hisbollah in Beirut, Libanon, entführt wurden.

Heute lebt Fred Burton ist im Ruhestand und ist als gefragter Consultant, Sprecher und Buchautor tätig.

Zu seinen Veröffentlichungen gehören die New York Times Bestseller: GHOST: Confessions of a Counterterrorism Agent, Chasing Shadows: A Special Agent’s Lifelong Hunt to Bring a Cold War Assassin to Justice, Under Fire: The Untold Story of the Attack in Benghazi und: Beirut Rules: The Murder of a CIA Station Chief and Hezbollah’s War Against America.

Hisbollah spielt strategisch Schach

Thomas Lojek: Fred, um mehr über die Arbeitsweise von Terrorgruppen zu lernen und wie Ermittler gegen diese Organisationen im Untergrund vorgehen, habe ich mich lange mit deinem deinem Buch “Beirut Rules” beschäftigt.

Das Buch erzählt die Geschichte der langen und aufreibenden Suche nach dem Chef der CIA-Station, William Francis Buckley, im Libanon.

Buckley wurde 1984 von der Hisbollah entführt und mehr als 400 Tage lang gefoltert und schließlich getötet.

Heute, fast 40 Jahre später, ist die Hisbollah immer noch aktiv und einer der prominentesten Machtakteure im Nahen Osten.

Wie kann das sein?

Kannst du mir aus deiner Sicht erklären, wie es zu dieser “Erfolgsstory Hisbollah” kommen konnte?

Und was diese Gruppierung im Vergleich zu den unzähligen islamistischen Terrorgruppen, die besiegt wurden oder im Laufe der Jahre einfach verschwanden oder unbedeutend wurden, so anders macht?

Fred Burton: Die Hisbollah, die „Partei Gottes“, sind extrem gut darin, sich anzupassen.

Strategisch gesehen war der Schlüssel zum Erfolg der Hisbollah im Libanon schon immer über soziale Programme, Hilfe für Familien, in Schulen und in der generellen Versorgung und dem Gesundheitssystem die Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen und zu bewahren.

Die Hisbollah hat über lange Zeit sehr erfolgreich die finanzielle und logistische Unterstützung des Iran als sehr effektiv genutzt.

In vielerlei Hinsicht war ihre Strategie brillant.

Die Hisbollah spielt geopolitisch und strategisch Schach, während viele andere Terrorgruppen oft nur von Anschlag zu Anschlag planen.

Und natürlich, es hilft, einen robusten und fähigen Geheimdienst inklusive Finanzierung an seiner Seite zu haben – nämlich den Iran.

Aus taktischer Sicht war die Durchdringung der Hisbollah immer sehr schwierig

Thomas Lojek: Die Hisbollah ist über die Jahrzehnte zu einer international agierenden Organisation herangewachsen, die längst nicht mehr nur auf den Nahen Osten beschränkt ist.

Die Gruppe hat Zellen in Europa. Die Kämpfer der Hisbollah bilden Milizen in Afrika aus. Und es ist bekannt, dass die Organisation versucht, sich einen Teil des südamerikanischen Drogenhandels zu sichern und eine wesentliche Rolle in internationalen Geldwäscheoperationen zu übernehmen.

Was bedeuten die internationalen Operationen der Hisbollah für die Sicherheit der westlichen Welt und wie sollten die USA und ihre Verbündeten den globalen Aktivitäten der Hisbollah entgegentreten?

Fred Burton: Als staatlicher Sponsor des Terrors ist die Reichweite der Hisbollah tatsächlich global. Ich habe das aus erster Hand gesehen.

In den 1980er-Jahren schien die Terrorgruppe immer einen Schritt voraus zu sein, und es fiel uns schwer, ihre Führungsriege und Akteure zu identifizieren. Selten, wenn überhaupt, haben wir jemals ihren nächsten Schritt vorhergesagt.

Die Organisation hat heute sicherlich die Fähigkeit, westliche oder israelische Interessen auf der ganzen Welt zu treffen, wenn sie sich dazu entscheidet. Aber es gibt auch Einschränkungen in dieser Fähigkeit: Wenn ihnen ein großer Terrorakt direkt zugeschrieben werden könnte, würde es Repressalien, Sanktionen und ungewollten Nebeneffekten in der direkten Unterstützung führen.

Sheikh Hassan Nasrallah, ihr Anführer, weiß das.

Manche Geheimdienste folgen der Gruppe und ihrer Aktivitäten besser als andere, etwa der israelische Mossad.

Aus taktischer Sicht war die Durchdringung der Organisation aus verschiedenen Gründen immer sehr schwierig.

Um ehrlich zu sein, fehlten uns schon damals, in den 80ern, entscheidende Möglichkeiten – vor allem Agenten und Informanten im Netzwerk der Hisbollah – um Bill Buckley, den entführten Stationsleiter der CIA, und die anderen westlichen Geiseln (einschließlich deutscher Geiseln) zu finden. Es war damals ein nachrichtendienstliches Versagen westlicher Geheimdienste.

Daran denke ich noch immer, jeden Tag.

Wir hätten mehr tun sollen.

Unbegrenzte Mittel und komplett freie Hand

Thomas Lojek: Lass uns ein theoretisches Szenario durchspielen: Die führenden Nationen der freien westlichen Welt geben dir unbegrenzte Mittel und komplett freie Hand, um alles Notwendige zu tun, um Hisbollah zu stoppen. Was würdest du tun?

Fred Burton: Wenn Ressourcen und Budget kein Problem wären, würde ich die Überwachungs- und Geheimdienstbemühungen für jeden iranischen Diplomaten, Geheimdienstoffizier und Hisbollah-Agenten auf der ganzen Welt verstärken.

Ich würde mehr Geld und Arbeit investieren in die Beschaffung von Personal und der Fähigkeit Quellen und Assets im Umfeld der Organisation zu akquirieren, was allerdings nicht einfach wäre.

An der diplomatischen und außenpolitischen Front würde ich dafür sorgen, dass die globalen Vermögenswerten der Hisbollah konfisziert werden. Und ich würde Einheiten mit INTERPOL kooperieren lassen, die kriminellen Unternehmungen der Oganisation zu unterbinden, wie zum Beispiel gestohlenen Autos und Drogenhandel.

Iran und die Hisbollah haben die Ermordung Soleimanis nicht vergessen

Thomas Lojek: Gibt es einen blinden Fleck, den westliche Politiker, Politiker und Sicherheitsberater haben, wenn es um die Hisbollah und ihren jüngsten Aufstieg zu mehr Einfluss weltweit geht?

Hast du eine spezifische Warnung vor Bedrohungen/Taktiken, die die meisten Experten im Moment nicht deutlich genug wahrnehmen oder die sie niemals von der Hisbollah erwarten würden und die dennoch in den kommenden Jahren besonders gefährlich sein könnten?

Fred Burton: Es gibt nie einen Mangel an globalen Bedrohungen, denen die Welt gegenübersteht.

Wo würde ich die Hisbollah ansiedeln, wenn wir diese Bedrohungen priorisieren?

Das größte Problem: Uns steht immer nur eine begrenzte Anzahl von Geheimdienstoffizieren, Analysten und Überwachungsmitteln zur Verfügung. “Bandbreite” ist immer die größte Herausforderung für die globale Intelligence Community (IC).

Die Geheimdienste stehen einer Reihe sich häufender Bedrohungen gegenüber, d. h. der Pandemie und neue Risiken daraus, endlose Cyberangriffe, nationalstaatliche Spionage aus Russland und China, dem nuklearen Entwicklungsprogramm des Iran und so weiter.

In Bezug auf eine konkrete Bedrohung rund um die Hisbollah haben wir noch keine direkte Vergeltung des Iran für die Ermordung von General Qasem Soleimani durch die USA im Januar 2020 erlebt.

Ich finde das besorgniserregend und würde eine vor-operative Überwachung von US-amerikanischen und israelischen Zielen auf der ganzen Welt durch den Iran und die Hisbollah erwarten.

Doch die USA haben sich seit dem Vorfall in eine andere Richtung bewegt und die neue Regierung verfolgt jetzt eher Fragen zu sozialer Gerechtigkeit im Inland, Inflation, die bleibenden Auswirkungen des Rückzugs aus Afghanistan, die Bewältigung der Pandemie und die neuen Herausforderungen im Krieg Russland gegen Ukraine.

Dennoch versichere ich allen Beteiligten, dass der Iran und die Hisbollah die Ermordung Soleimanis nicht vergessen haben.

In diesem Sinne, wann und wo werden sie sich rächen?

Wir werden sehen.

Die Geschichte sagt mir, dass wir es nicht kommen sehen werden.

Die Hisbollah hatte schon immer die Fähigkeit, die Welt zu überraschen

Thomas Lojek: Kannst du mir zum Abschluss noch eine Sache nenne, die die Hisbollah besonders gut beherrscht?

Gibt es ein “Fachgebiet” der Organisation, zum Beispiel: Häuserkampf, unkonventionelle Kriegsführung, Verbündete zu finden, bestimmte Formen des Terrorismus, Finanzierung, Geldwäsche, Rekrutierung, Propaganda usw.?

Gibt es ein strategischen Element, zu dem man sagen muss: „Die Hisbollah macht das außergewöhnlich gut?“

Fred Burton: Die operativen Sicherheit der Hisbollah ist gut, wirklich gut.

Schwer zu durchdringen.

Ihre interne Gegenspionagebemühungen sind wahrlich robust.

Es wäre faszinierend zu erfahren, wie ihre Geheimdienstoffiziere darauf trainiert werden, Spione aufzuspüren.

Die Organisation hatte schon immer die Fähigkeit, die Welt zu überraschen und sie ist seit jeher als der besten Bombenhersteller der “Branche” bekannt.

Und damit meine ich große Bomben.

Viele haben über den Lauf der Zeit bereits die erheblichen Schäden vergessen, den diese Organisation durch jahrelange Entführungen und Bombenanschläge im ganzen Mittleren Osten verursacht hat.

Aber ich habe es nicht getan.

Und werde es nie tun.