Interview mit Jack Carr (Terminal List): Special Operations und globale Bedrohungen in einer neuen Weltordnung

Zu Gast im Interview

Jack Carr

Jack Carr ist ein ehemaliger US Navy SEAL, der als Teamleiter, Platoon Commander, Troop Commander und Task Unit Commander weltweit amerikanische Spezialeinsatzkommandos in Missionen der US Special Operations führte.

Seine zwanzig jährige Karriere im Naval Special Warfare begann Jack als SEAL Sniper und leitete später Teams im Irak und in Afghanistan.

Anschließend wurde er Leiter für Counterinsurgency Missionen im Süden der Philippinen. Schließlich befehligte er eine Task Unit für amerikanische Special Operations im am stärksten vom Iran beeinflussten Teil des Südiraks.

Jack zog sich 2016 aus dem aktiven Dienst zurück und lebt heute mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Utah.

Er ist Autor von fünf Bestsellerlisten der New York Times: The Terminal List, True Believer, Savage Son, The Devil’s Hand und In The Blood.

Die Verfilmung seines ersten Romans „The Terminal List“ mit Chris Pratt (Guardians of the Galaxy) in der Hauptrolle war ein 2022 ein weltweiter Erfolg.

Autor: Thomas Lojek

Thomas Lojek ist Buchautor (Krimis und historische Romane), Redakteur und Verleger.

Zu seinen Themen gehören europäische Geschichte, Sicherheitspolitik und internationale Konflikte.

Er verfügt über exzellente Beziehungen zu internationalen Spezialeinheiten, Militär und der Sicherheitsbranche.

Wenn Amerika in Krisengebieten aktiv wird, schaut die Welt zu

Thomas Lojek: Jack, kannst du meinen Lesern etwas zu den Hintergründen deiner Romane erklären? Woher beziehst du die Ideen für deine Bücher?

Jack Carr: Für meine Romane stelle ich mir die Fragen: Was haben Iran, China, Nordkorea und Russland in den letzten Jahrzehnten über die Vereinigten Staaten von Amerika gelernt?

Wie wird das in ihre zukünftigen militärischen Planungen einfließen?

Und wie beobachten uns terroristische Organisationen?

Was lernen sie über uns?

Wenn Amerika im Irak, in Afghanistan, in Syrien und in anderen Krisengebieten aktiv wird, schaut die Welt zu. Es gleicht einer offenen Partie Poker – die anderen Supermächte sehen unsere Karten und beobachten, wie wir sie spielen.

Was bedeutet das für uns und unsere Sicherheit?

Ich habe als Navy SEAL im aktiven Dienst über diese Fragen nachgedacht, und heute denke ich über diese Fragen als Buchautor und Zivilist nach.

Dabei geht es um mehr als nur die militärischen Aktionen von Amerika auf den globalen Schlachtfeldern.

Unsere Gegner lernen auch von unserer Reaktion auf COVID.

Sie lernen aus den zivilen Unruhen, die unsere Städte im Jahr 2020 heimgesucht haben.

Sie lernen von den umstrittenen politischen Entscheidungen und Spannungen in unseren eigenen Ländern, durch die Spaltungen innerhalb unserer Bevölkerung.

Der Feind betrachtet all diese Dinge mit mehr als flüchtigem Interesse.

Wir müssen davon ausgehen, dass wir ihnen damit mehr Informationen liefern, als es uns manchmal bewusst ist und wir ihnen damit einen potenziellen Vorteil in einer zukünftigen Konfrontation geben.

Meine Romane behandeln in unterschiedlichen Aspekten diese Überlegungen und ihre Folgen.

Welche Rolle werden Spezialeinheiten in der neuen Weltordnung spielen?

Thomas Lojek: Eine konkrete Frage an dich als ehemaliges Mitglied der Eliteeinheit US Navy SEALS: In einer Welt der Cyberkriegsführung, Biowaffen, Informationskriege – welche Rolle werden Spezialeinheiten in der neuen Weltordnung spielen?

Ist es immer noch gerechtfertigt, Millionen von Dollar auszugeben, um hoch spezialisierte Soldaten zu schaffen, wenn heute Trollfarmen im Internet, Cyberangriffe und Hacker eine Stadt mit ein paar Kilobyte falscher Informationen buchstäblich niederbrennen können?

Jack Carr: Wir sollten beständig lernen, konkrete Lehren aus der gesamten Vergangenheit ziehen und sie dann basierend auf Vernunft und ausgewogenen Entscheidungen für die Zukunft anwenden.

Natürlich, wir müssen sicherlich erhebliche Anstrengungen und Energien darauf verwenden, gute Einheiten aufzubauen, die sich auf primär auf Cyberkrieg und die damit verbundenen Bedrohungen konzentrieren.

Aber ich denke, wir werden auch immer militärische Special Operations brauchen, ausgewählte Spezialisten der modernen Kriegsführung, die an der Spitze von Einsätzen in Krisengebieten stehen und bestehen können.

Unkonventionelle Kriegsführung, Spezialaufklärung, Direct Action Missionen, Einsätze in der Außenverteidigung, Terrorismusbekämpfung, Missionen gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Geiselbefreiung …

… diese Missionen werden immer Spezialisten brauchen, die ständig trainieren, fähig zu Einsätzen unter extremen Bedingungen, immer bereit für den Anruf, der sie in sehr spezielle Einsätze irgendwo auf der Welt bringt.

Unsere Gesellschaften sind zerbrechlicher als allgemein angenommen

Thomas Lojek: Du hast von den Bemühungen der uns feindlich gesinnten Nationen gesprochen, möglichst viel über uns zu lernen, um unsere globalen Interessen und demokratischen Gesellschaften effektiver unterwandern zu können.

Wie sollten wir selbst diesen Bemühungen entgegentreten?

Jack Carr: Es ist wichtig zu erkennen, dass unsere Gesellschaften zerbrechlicher sind als allgemein angenommen.

Das sollte eine unserer größten Lektionen von 2020 bis 2022 sein.

Alles fängt mit uns selbst an: Wir haben uns in unserer Lebensweise zu sehr mit der Annahme angefreundet, dass es immer Nahrungsmittel im Supermarkt geben wird.

Dass immer jemand am anderen Ende der Leitung ist, wenn wir die Polizei, die Feuerwehr oder den Rettungsdienst anrufen.

Dass immer jemand im Dienst sein wird, der einen Stromausfall repariert, wenn in unseren Städten plötzlich die Lichter ausgehen.

Doch das alles ist im Grunde Luxus.

Es sind moderne Annehmlichkeiten, die eigentlich über lange Zeiten innerhalb der menschlichen Entwicklungsgeschichte nie da waren.

Die letzten Jahre sollten uns im besten Fall ein paar wichtige Lektionen über persönliche Verantwortlichkeit beigebracht haben.

Dass wir eine Verantwortung für uns selbst haben.

Dass wir in Notfällen für unser Lieben und unsere Gemeinschaften einzustehen müssen.

Und dass wir immer auf plötzliche Krisen vorbereitet sein sollten.

Das bedeutet nicht, in ständiger Paranoia zu leben.

Vielmehr bedeutet es, dass jeder von uns ein paar grundlegende Fähigkeiten der allgemeinen Versorgung und des Überlebens besitzen sollte.

Wir brauchen mehr gesunden Menschenverstand und die Fähigkeiten, mit Widrigkeiten umzugehen für die Tage, an denen die Dinge mal nicht so laufen, wie gewohnt.

Was jeder von uns grundlegend für seine Familien sicherstellen sollte: Essen, Wasser, ein Wasserfilter, Feuerlöscher, Möglichkeiten selbst Feuer zu machen, ein Trauma-Kit (und eine Schulung, wie man es benutzt), eine Kombination von verlässlichen Schusswaffen, mit denen verantwortungsvoll trainiert werden sollte.

Vielleicht ein Generator, und einige Monate an sicheren finanziellen Mitteln als Reserve.

Das Ziel sollte immer sein, schwierige Situationen zu bewältigen, nicht nur „irgendwie“ zu überleben.

Wir müssen uns mehr Gedanken zu diesen Grundlagen machen.

Das wird auch alle feindlichen Ambitionen unsere Gesellschaft zu unterwandern deutlich schwieriger gestalten.

Die Entwicklung des Genre „Thriller“ unter den aktuellen Ereignissen in der Welt

Thomas Lojek: Werfen wir beide mal als Roman-Autoren einen Blick auf die Entwicklung des Genre „Thriller“ unter dem Einfluss den aktuellen Ereignisse in der Welt.

Im Thriller-Genre scheint es gerade eine deutliche Verschiebung zu geben – von Bedrohungen, die ihren Ursprung außerhalb der USA haben, hin zu innenpolitischen Bedrohungen und Verschwörungen innerhalb der USA.

In den 70er und 80er Jahren gab es im Thriller-Genre eine ganz klare Regel: Die Russen sind die Bösen.

Dann, nach dem Ende des Kalten Krieges und den Anschlägen vom 11. September, übernahm die dschihadistische Bedrohung die Rolle des globalen Feindes.

Jetzt scheint uns eine noch unruhigere Welt zu erwarten, in der man niemandem mehr vertrauen kann, nicht einmal den Genre-Regeln, wer die Bösen sein sollten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nach Russlands Invasion in der Ukraine wieder viele Thriller über Szenarien mit Russland sehen werden.

Was denkst du über die neuesten Trends in diesem Genre?

Erleben wir eine große Kreisbewegung in den Erzählungen zurück zu Motiven und Szenarien, die wir aus dem Kalten Krieg kennen?

Jack Carr: Das Thriller-Genre entwickelt sich natürlich ständig weiter. Auch mein Ziel ist es immer, mit jedem Roman das Genre weiter nach vorne zu bringen.

Ich bin ein Schüler des Genres, seit ich denken kann.

Meine Mutter ist Bibliothekarin, daher bin ich mit der Liebe zu Büchern aufgewachsen.

Und ich denke, du hast recht.

Es gibt verschiedene Perioden in unserem Genre, die wir mit deutlich unterschiedlichen politischen Strömungen und Bedrohungen identifizieren können.

Ich finde: Wenn ein Autor das einbeziehen kann, was gerade aktuell ist oder in der unmittelbaren Zukunft vor uns liegen könnte, gibt er den Lesern einen wichtigen Berührungspunkt, über den sie sich besser auf den Roman einlassen können.

Daher denke ich, dass es gerade für Thriller-Autoren sinnvoll ist, reale Ereignisse in die Fiktion einzubeziehen.

Unabhängig vom Zeitrahmen gibt es im Genre „Thriller“ immer gewisse Gemeinsamkeiten in den Erzählungen.

Ein wichtiges Element ist die Verschwörung. Wir finden sie zwar nicht in jedem Thriller, aber es ist ein sehr beliebtes Thema unter den Fans des Genres.

Und ganz egal, ob der Feind in den Geschichten damals die Sowjetunion war oder heute ein Dschihadist ist – das Element der Verschwörung bleibt ein grundlegendes Element in einem Thriller, von dem ich glaube, dass es den Lesern gefällt.

Manchmal erwarten Leser, dass es ganz universell in die Handlung eines Romans eingewoben wird, unabhängig davon, wer die Bösen sind.

Manchmal muss es eine konkrete Verschwörung sein.

Ein weiteres bekanntes Thema ist, dass Politiker oft die eigentlichen Bösewichte sind.

Auch im wirklichen Leben geben sie uns eine Menge Material, mit dem wir arbeiten können.

Sie in eine Verschwörung einzubinden, sie korrupt werden zu lassen, all das erscheint denen, die heute die Nachrichten verfolgen, glaubwürdig. Verschwörung und Politik sind daher wichtige Elemente im Thriller-Genre.

Und ja, ich denke, du hast auf jeden Fall recht: Wir sehen einen Übergang im Genre!

Es ist heute besonders interessant zu sehen, wie sich das Genre vom Dschihad-Terrorismus der ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts zurück wieder nach „Russland als Bösewicht“ verlagert.

Ich habe zum Beispiel die russische Mafia sowohl in meinem zweiten als auch in meinem dritten Roman eingebaut.

Es ist faszinieren, dass sich hier ein realer und erzählerischer Kreis im Genre schließt, während wir jetzt als Autoren gleichzeitig Bedrohungen einbeziehen können, die es in den 70er und 80er Jahren noch nicht gab.

Jetzt ist alles viel komplexer.

Wir haben zum Beispiel die russischen Oligarchen.

Wir haben lokale und internationale Korruption.

Wir haben die russische Mafia, und wir haben sie auf der ganzen Welt.

Es ist wirklich interessant, das als Autor im Genre zu erkunden.

Photos: Jack Carr