Interview mit Ricardo McClain (Guardia Civil): Missionen gegen den Drogenhandel in Spanien

Zu Gast im Interview

Ricardo McClain

Ricardo McClain ist aktives Mitglied eines SWAT Teams der Guardia Civil in Cádiz, Spanien. Er ist zudem Ausbilder und Gründer eines Unternehmens für Polizeitraining, IFR Ibero First Responders, in Spanien.

Autor: Thomas Lojek

Thomas Lojek ist Buchautor (Krimis und historische Romane), Redakteur und Verleger.

Zu seinen Themen gehören europäische Geschichte, Sicherheitspolitik und internationale Konflikte.

Er verfügt über exzellente Beziehungen zu internationalen Spezialeinheiten, Militärs und innerhalb der Sicherheitsbranche.

Einsätze gegen Schmuggel, Menschenhandel, Drogenhandel und in der Terrorismusbekämpfung

Thomas Lojek: Ricardo, kannst du meinen Lesern dich und deine Arbeit in der spanischen Guardia Civil kurz vorstellen?

Ricardo McClain: Ich bin Operator und Ausbilder einer Spezialeinheit der Guardia Civil in Cádiz, an der Südküste Spaniens und in der Nähe von Gibraltar.

Die Aufgaben unserer Einheit sind die Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit, die Patrouille in den urbanen Zentren der Region, die Patrouille auf den Schmuggelrouten der spanischen Küste sowie Einsätze gegen Menschenhandel, Drogenhandel und in der Terrorismusbekämpfung.

Cádiz ist geografisch einzigartig: Es liegt in der Nähe der Straße von Gibraltar, es hat Zugang zum Atlantik, aber es liegt auch in der Nähe der Küste Nordafrikas.

Diese einzigartige geografische Lage zieht alle Arten von Aktivitäten der organisierten Kriminalität an: gewöhnliche Schmuggler, illegale Einwanderung, Drogenhandel durch ausländische und lokale Kartelle.

Thomas Lojek: Kannst du uns ein typisches Einsatzszenario beschreiben?

Ricardo McClain: Cádiz ist ein wichtiger Tor nach Europa für den internationalen Drogenhandel.

Deshalb müssen wir unsere Autobahnen und die lokalen Straßen ständig kontrollieren, um den Druck auf die Narcos kontinuierlich aufrechtzuerhalten.

Aber die Hauptaufgabe meiner Einheit besteht darin, die lokalen Durchsuchungsbefehle mit hohem Risiko durchzuführen.

Unsere Operationen beginnen, wenn wir genügend Beweise für organisierten Drogenhandel in einem Haus oder Gebäude in der Gegend von Cádiz haben.

Sobald wir den Haftbefehl und solide Informationen über die Verdächtigen, den Ort und das Gebäude haben, ergreifen wir die Initiative.

Dann verschaffen wir uns meist nachts und mit hoher Einsatzgeschwindigkeit Zutritt, übernehmen das Gebäude, nehmen Verdächtige fest und sichern alle Beweise.

Eine Mission gegen den Drogenhandel an einem Strand muss mit überwältigender operativer Intensität ablaufen

Thomas Lojek: Aus den Medien sind die spektakulären Versuche der Drogenhändler bekannt, die Küste von Cádiz mit Schnellbooten zu erreichen.

Kannst du mir mehr über die Operationen gegen diese Form des Drogenhandels an den Stränden von Cádiz erzählen?

Ricardo McClain: Das ist ein weiterer kritischer und oft gefährlicher Aspekt unserer Arbeit.

Weil Cádiz so nah an Afrika liegt, nutzen die Drogenkartelle Hochgeschwindigkeitsboote von Marokko aus, um die Küste Spaniens zu erreichen.

Sobald sie den Strand erreichen, erwarten wir sie.

Aber wir wissen nie genau, wie viele Kriminelle in den Booten sind.

Oder ob sie bewaffnet sind. Und was für Waffen sie bei sich haben.

Oder ob sie Verstärkung irgendwo in der Umgebung der Operation haben, die eingreifen könnte, um die Verhaftung und Beschlagnahmung der Drogen am Strand mit Gewalt zu verhindern.

Wir wissen nie, wie weit diese Kriminellen zu gehen bereit sind, um die Drogenladung im Boot zu retten oder zu entkommen.

Viele von ihnen sind Berufsverbrecher.

Einige stammen aus den Kriegen und Bürgerkriegen Afrikas.

Sie sind an Gewalt gewöhnt und haben oft nichts zu verlieren.

Deshalb müssen wir diese Einsätze sehr gut planen und vorbereiten.

Eine Mission gegen den Drogenhandel an einem Strand muss schnell, hochgradig koordiniert und mit überwältigender operativer Intensität ablaufen.

Wir verwenden Drohnen, Nachtsichtgeräte und IR-Sensoren, um Überraschungen zu vermeiden.

Es ist wichtig zu verstehen. Das spezielle Einsatzgebiet dieser Missionen ist kein begrenzter Raum – wie ein Gebäude oder Lagerhaus – es ist ein offener Strand bei Nacht oder ein felsiges Ufer an der Küste, was schwieriger zu kontrollieren ist und wir haben es mit vielen Unbekannten zu tun.

Das richtige Verständnis des Geländes ist damit auch ein entscheidender Faktor für unseren operativen Erfolg.

Wir müssen immer mit hohem operativem Druck arbeiten, um sicherzustellen, dass wir vom ersten Moment an die Initiative haben und sie niemals abgeben.

Je schneller wir diesen Job erledigen, von der ersten Sekunde an, desto besser und sicherer für alle.

Sicherstellen und Bewahren der Initiative während des Einsatzes

Thomas Lojek: Wie trainieren deine Einheit für diese Szenarien?

Ricardo McClain: Wir müssen ständig trainieren, um in unseren Einsätzen die Effizienz in Koordination und Taktik aufrechterhalten zu können.

Bereitschaft ist alles.

Beispielsweise trainieren wir intensiv die Koordination eines Teams für genau die Minuten, bevor wir ein Haus betreten.

Wir fragen uns dazu immer wieder: Wie nähern wir uns effektiv und taktisch sinnvoll zuerst dem Gelände, dann dem Haus und dann vor allem den Türen.

Wir fragen uns, wie wir das Gelände für unseren taktischen Vorteil in Trainingsszenarien nutzen können.

Vor jedem Einsatz versuchen wir besser zu verstehen, wie und wann Kriminelle uns eine Falle stellen oder was sie als Fluchtweg nutzen könnten.

Für Einsätze auf offenem Gelände oder an den Stränden unseres Distriktgebiets schulen wir die Koordination der Teammitglieder vor der Festnahme, Taktik und das Sicherstellen und Bewahren der Initiative während des Einsatzes.

Wir trainieren, wie man sich schnell und taktisch vorwärts bewegt und wie wir den Vorteil der Überraschung und des maximalen Einsatzdrucks gegenüber den Verdächtigen erreichen.

Außerdem müssen wir uns gerade für die Missionen an den Küsten darauf vorbereiten, wie festgenommene Verdächtige am Strand gesichert werden können.

Es ist nicht dasselbe wie in einem Haus oder Gebäude.

Und ist sehr wichtig, taktische Medizin und Notfallhilfe regelmäßig zu unterrichten und für alle Mitglieder im Team aufzufrischen.

Das ist vor allem mein Fachbereich als Trainer für TCCC, Tactical Combat Casualty Care, medizinische Versorgung und Notfallhilfe in Kampfeinsätzen.

Es ist etwas anderes, ein verletztes Teammitglied nachts am Strand und im Niemandsland entlang der spanischen Küste zu haben, als ihn nach einer Mission in einem städtischen Umfeld innerhalb weniger Minuten in ein Krankenhaus bringen zu können.

Kurz gesagt: Wir trainieren so viel wie möglich, um so viel wie möglich zu lernen.

Jedes Detail ist wichtig.

Training rettet Leben.

Photos: Ricardo McClain