Nachteile von Russlands Militär gegenüber der ukrainischen Armee

Russlands Militär ist nicht gewappnet für die modernen Kriege

Während der ersten Angriffe Russlands auf die Ukraine waren sich viele Beobachter sicher, dass das Land keine Chance gegen die Übermacht der russischen Armee haben würde.

Heute, nur acht Monate später, ist der russische Vormarsch nicht nur gestoppt – die Armee Russlands ist gedemütigt, zermürbt und in Teilen der Ukraine auf der Flucht.

Wie kann es sein, dass ein kleines Land die Armee der vermeintlichen Supermacht Russland nicht nur aufgehalten, sondern in die Defensive gezwungen hat?

Der Feldzug in der Ukraine hat erhebliche Schwächen im russischen Militär offen zutage treten lassen.

Einige von ihnen waren zum Teil bekannt.

Aber weder der Westen noch Russland selbst haben sie jemals wirklich verstanden oder richtig eingeschätzt, zumindest nicht in ihrem vollen Umfang und wie sehr sie das russische Militär auf einem modernen Schlachtfeld in Schwierigkeiten bringen würden.

Russlands Militär war zum Zeitpunkt der Invasion ein veralteter, kranker Scheinriese.

Was auf den weniger fordernden Schlachtfeldern wie Tschetschenien und Syrien nicht so offensichtlich wurde, findet nun vor Augen der ganzen Welt statt: Russlands Militär ist nicht gewappnet für die modernen Kriege auf den komplexen Schlachtfeldern des 21. Jahrhunderts.

Russland hat militärische Masse – ja, aber nicht die Klasse, wie sie eine flexible, schnelle Kriegsführung innerhalb von modernen Konflikten benötigt.

Die wesentlichem Gründe, warum das russische Militär im Ukraine-Krieg versagt hat

Hier sind einige wesentliche Gründe, warum das russische Militär so umfassend im Ukraine-Krieg versagt hat:

Es beginnt alles – wie so oft – mit dem Faktor Mensch.

Die Behandlung der eigenen Soldaten ist in der russischen Armee immens schlecht.

Im russischen Militär sind Gewalt in den eigenen Reihen, Misshandlungen und Erniedrigungen an der Tagesordnung.

Für einen großen Teil der russischen Soldaten war der Weg in die Armee nur eine Flucht aus schlechten Lebensbedingungen, eine Alternative zum Gefängnis oder ein Weg aus familiäreren Zwängen.

Die russische Armee hat generell wenig Respekt vor dem Leben, weder vor dem der eigenen Leute, noch vor dem der Feinde und Zivilisten.

Der Dienst in der russischen Armee ist ein hartes und brutales Leben unter schlechten Bedingungen und wenig Perspektiven.

Daran hat auch der Krieg nichts geändert.

Er hat nur offengelegt, wie brutal die inneren Strukturen dieser Armee sind und damit auch die Bereitschaft der Armee zu äußeren Extremen in der Kriegsführung.

Auf keinen Fall kann man das russische Militär mit dem der USA oder einer Armee der europäischen Länder vergleichen.

Es ist bezeichnend, wenn in Russland im Moment vor allem in Gefängnissen nach neuen Soldaten gesucht wird.

Das entspricht den inneren und äußeren Verhältnissen dieser Armee.

Im Gegensatz zu den motivierten Truppen der Ukraine, die für ihre Familien, für ihre Ideale und eine Zukunft antreten, wissen die meisten russischen Soldaten nicht einmal, warum sie in diesem Krieg sind und wer tatsächlich ihr größerer Feind ist – die Ukrainer oder die eigenen Vorgesetzten und die Misshandlungen in ihren Reihen.

Entsprechend ist es schwierig, diese Armee zu organisieren, zu motivieren und effektiv in komplexe Schlachten zu führen.

Aus Charkiw sind die russischen Soldaten praktisch geflohen.

Es wird für die russische Führung ganz sicher nicht einfach, diese dysfunktionale Armee wieder auf Linie zu bringen und fit für einen Krieg mit einem immer effektiveren und täglich besser ausgerüsteten Gegner zu machen.

Ein erhebliches Problem für Russland in diesem Feldzug

Russland in den ersten Monaten des Feldzuges viele wichtige Offiziere aus den mittleren Rängen verloren.

Diese fehlen nun, um die Armee von einer mittleren bis unteren Führungsebene aus anzuleiten und neu zu organisieren.

Das ist ein erhebliches Problem für Russland in diesem Feldzug.

Es ist vergleichbar mit einem Unternehmen, in dem auf einmal das mittlere Management und die Facharbeiter ausfallen – es wird schwierig, ein solches Unternehmen in kurzer Zeit neu aufzustellen.

Die unteren Soldatenränge können (und wollen) das nicht leisten.

Die oberen Ränge sind zu weit weg von den Realitäten des Schlachtfeldes und an politische Vorgaben oder komplizierte Befehlswege gebunden.

Gerade das Fehlen von jungen Offizieren ist jetzt ein schmerzlicher Nachteil für die Führung der gesamten Armee im Feindesland.

Die kürzlich eingeleitete Mobilisierung in Russland wird daran nichts ändern.

Es kommen dadurch keine neuen „Fachleute“ in das Militär, sondern kaum ausgebildete Männer, die viel mehr Zivilisten als Soldaten sind.

Die Mobilisierung wird das Chaos vergrößern und die neuen Soldaten statt Verstärkung zu Kanonenfutter in diesem Krieg machen.

Das Militär der Ukraine ist im Vergleich dazu deutlich moderner organisiert: Sie hat eine Reihe motivierter und gut ausgebildeter Offiziersränge, die teilweise über Jahre von westlichen Spezialeinheiten trainiert wurden.

Diese Offiziere und Unteroffiziere bewegen sich in einer schlankeren und effektiveren Befehlshierarchie als die Russen.

Oftmals können sie Entscheidungen selbst, zeitnah und direkt vor Ort treffen – was in der russischen Armee nicht erlaubt ist. Russische Einheiten müssen immer die Bestätigung von einem Befehlshaber aus den oberen Rängen abwarten.

Das macht die Einsätze der Ukrainer in allen Kampfhandlungen wesentlicher schneller und flexibler.

Das Hauptproblem für die russische Armee in diesem Krieg

Russland hat die erheblichen Mängel in der Struktur, Moral und Organisation seines Heeres lange Zeit hinter dem massiven Einsatz von Artillerie verborgen.

Anstatt flexible Kampfeinheiten in schnellen und effizienten Operationen zu haben, verlässt sich Russland seit dem Zweiten Weltkrieg darauf, mit seiner Artillerie zuerst alles dem Boden gleichzumachen und dann das Territorium zu „erobern“.

In der Ukraine funktioniert diese Strategie nicht mehr.

Natürlich, Russland richtet enormen Schaden mit seinen Bombardements an, aber die ukrainische Verteidigung ist – auch wegen seiner flexibleren, beweglichen Strukturen – heute deutlich überlegen darin, die russisch Artillerie zu umgehen, zu unterwandern oder auszuschalten.

Auch dank der Ausrüstung, Geheimdienstinformationen und Trainings der westlichen Unterstützer.

Das Hauptproblem für die russische Armee in diesem Krieg – und daran wird sich nichts ändern – ist vor allem die inflexible, veraltete Hierarchie und das gesamte innere System der Armee an sich.

Russlands Armee basiert auf einer streng hierarchischen Struktur und Weltvorstellung.

Die Einheiten Boden können auf dem Schlachtfeld nicht einfach eigene Entscheidungen treffen – sie brauchen fast immer den Befehl oder die Bestätigung eines Strategiewechsels durch die oberen Ränge der Armee.

Das erschafft eine inflexible, langsame und praktisch „eingefrorene“ Armee in einem Feldzug, der schnelle Bewegungen und ebenso schnelle Entscheidungen erfordert.

Im Kalten Krieg, während des Zweiten Weltkrieg, oder gegen Gegner ohne moderne Kommunikationssysteme und Waffen, wie in Syrien oder in den Feldzügen in Tschetschenien, hat diese Struktur des russischen Militärs vielleicht noch einigermaßen funktioniert – heute in einem modernen Krieg, unter dem Einfluss schneller Aufklärung, Echtzeit-Information, Drohnen, Satellitenüberwachung, GPS scheitern jedoch die Prinzipien und Fundamente der russischen Kriegsführung.

Für moderne Schlachtfelder ist die Struktur und der russischen Armee nicht gemacht.

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