Herrscht in Syrien noch Bürgerkrieg? Eine Übersicht zur aktuellen Situation!

Syrien: Bürgerkrieg, Assad und ISIS – Eine Übersicht!

Das Regime von Bashar al-Assad hat den Bürgerkrieg in Syrien gewonnen.

Allerdings ist es Assad nicht gelungen eine stabile umfassende Regierung für das Land und die Kontrolle über ganz Syrien zu erreichen.

Das Land ist ein Flickenteppich aus Regionen, die von unterschiedlichen Gruppen und Interessen kontrolliert werden.

Sie alle stehen im Mittelpunkt größerer geopolitischer Konflikte.

Syrien befindet sich nicht mehr in einem umfassenden Bürgerkrieg wie im vergangenen Jahrzehnt, doch es bleibt ein instabiles Gebilde ohne Einheit und vorhersagbarer Zukunft.

Augenmerk des internationalen Interesses an Syrien lag lange Zeit auf der Präsenz der Terror-Organisation ISIS im Land.

Die Gruppe wurde 2019 besiegt, ist jedoch teilweise weiter aktiv in der Region, jedoch verstreut, geschwächt, dezentralisiert.

ISIS ist damit keine unmittelbare Bedrohung mehr, wie in den Jahren 2015 bis 2019.

Dennoch darf man die Organisation nicht unterschätzen.

Die terroristische Gruppierung ist weit entfernt vom alten Einfluss und der paramilitärischen Schlagkraft vergangener Jahre, doch kann sie durchaus noch Schaden anrichten, wenn auch nur begrenzt.

Internationale Aufmerksamkeit erreichte zuletzt der Angriff von ISIS auf das Gefängnis von Hasakah in Syrien.

Die Gruppe wollte Anfang 2022 die dort inhaftierte Mitglieder befreien.

Es war die erste größere Aktion der Terroristen seit ihrer Niederlage in 2019.

ISIS deklarierte den Angriff als Erfolg, doch realistisch kann davon keine Rede sein.

ISIS hat zwar zehn Tage lang die Gegend mit Gefechten in Atem gehalten, aber dabei auch rund 350 eigene Kämpfer verloren.

Was jedoch zutrifft: Das Ereignis ist eine Erinnerung daran, dass niemand in der Region die Gruppe unterschätzen sollte.

Dass sie jemals zur alten Größe zurückkehren kann, ist sehr unwahrscheinlich.

Es fehlt an Rückhalt in der Bevölkerung.

Die Logistik und Kommunikationsmöglichkeiten der verstreuten Mitglieder sind kaum mehr zu vergleichen mit der vergangenen Struktur der Terror-Organisation.

Und auch der Angriff auf das Gefängnis in Hasakah macht eine wichtige Veränderung deutlich: Vor Jahren hätte nur die Ankündigung ausgereicht, dass ISIS auf dem Weg sei – das Gefängnispersonal hätte die Zellen und Tore geöffnet und wäre geflüchtet.

Diesmal erwartete die Terrorgruppe ein zehn Tage langes Gefecht um das Gefängnis, mit schweren Verlusten in den eigenen Reihen und unter einer funktionierenden Gegenwehr der lokalen Truppen in Koordination mit den Alliierten.

So spektakulär der Angriff für die Berichterstattung außerhalb von Syrien auch wirken muss – im Grunde ist der Verlauf der Operation für ISIS ein Zeichen von Schwäche.

Die Terrorgruppe kann selbst regional nicht mehr dominieren, weder durch seinen martialischen Ruf noch durch einen tatsächlichen Einsatz seiner Kämpfer.

Zudem sind die amerikanischen Spezialeinheiten im Land sehr effektiv darin, die verbleibenden Zellen von ISIS und deren Anführer kontinuierlich mit Capture or Kill“-Missionen und beständigen Drohnenangriffen unter Druck zu setzen.

ISIS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi wurde in 2019 von amerikanischen Spezialeinheiten eliminiert.

Sein Nachfolger Abu Ibrahim al-Hashimi al-Qurayshi Anfang 2022.

Und im Verlauf dieses Jahres haben die USA eine ganze Reihe von weiteren Mitgliedern der oberen und mittleren operativen Ebene der Gruppe mit Drohnenangriffen ausgeschaltet.

ISIS ist gefährlich, aber kein Machtfaktor mehr in Syrien.

Die Geschicke des Landes kann diese Gruppe nicht mehr lenken oder verändern.

Spannungen der Supermächte beinflussen Syriens Stabilität

Die Zukunft des Syriens wird heute zwischen den Interessen der ausländischen Mächte im Land entschieden.

Das sind: USA, Russland, Iran, die Türkei und Israel.

Rund 900 amerikanische Militärs sind noch in Syrien stationiert.

Offiziell um Infrastruktur zu schützen und Aufbauhilfe zu sichern.

Die operativen Teile dieser Präsenz trainieren die US-Alliierten im Land und jagen die verbleibenden Reste von ISIS.

Doch der politische Rückhalt in Amerika selbst für die Präsenz amerikanischen Truppen in Syrien schwindet.

ISIS ist besiegt.

Das war das primäre Ziel für die amerikanische Öffentlichkeit.

Alles darüber hinaus hat wenig Unterstützung in den USA.

Es ist also anzunehmen, dass die Amerikaner in absehbarer Zeit ihre Präsenz im Land reduzieren und irgendwann Syrien ganz den Rücken kehren.

Das weckt Begehrlichkeiten der anderen ausländischen Mächte, die seit dem Bürgerkrieg ebenfalls in Syrien aktiv sind.

Russlands militärische Unterstützung war in den Bürgerkriegsjahren ein entscheidender Faktor für den Machterhalt von Assad.

Die russischen Militärs sind bis heute im Land.

Das bedeutet: In Syrien operieren US-Truppen und russisches Militär häufig nur wenig getrennt voneinander.

Nach der Invasion der Ukraine und den neuen Spannungen zwischen Russland und Amerika kann zwischen den beiden Mächten jederzeit zu einem Zwischenfall kommen.

Keine Seite sucht den offenen Konflikt in Syrien, aber die zunehmenden Provokationen können schnell eskalieren.

Erst kürzlich haben russische Flugzeuge Stellungen von Jaysh Maghawir al-Thawra bombardiert.

Es handelt sich um eine Miliz in Opposition zu Assad und unterstützt von den USA.

Die Stellung der Miliz befand sich nahe einer US-Militärbasis.

Russland hatte bis dato die inoffiziellen Linien in Syrien respektiert, die nicht nur die lokalen Milizen trennen, sondern auch die Einflusszonen der ausländischen Militärs.

Dieser Respekt scheint vorbei zu sein.

Das russische Bombardement von Jaysh Maghawir al-Thawra unter den Augen der Amerikaner ist eine deutliche Provokation.

Ähnlich aggressiv agiert der Iran in Syrien.

Die iranischen Milizen in dem Land scheuen sich nicht mehr, amerikanische Truppen und Positionen offen in anzugreifen.

Rund 20 Angriffe auf US-Einheiten hat es bisher in 2020 durch die schiitischen Milizen in Syrien gegeben.

Besonders die vom Iran unterstützte Hisbollah ist seit dem Bürgerkrieg ein erheblicher Machtfaktor in Syrien geworden.

Iran will über diese Milizen Einfluss im Mittleren Osten weiter sichern und ausbauen.

Umso offensiver agieren die Iran-treuen Milizen im Moment, aktuell unter zunehmenden dem Eindruck der inneren Krise im Iran und als Druckmittel in den festgefahrenen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm.

Die Interessen der Türkei in Isreael und ein geheimes Abkommen

Die Türkei ist ein weiterer Staat, der immer nachdrücklicher mit militärischer Gewalt seine eigenen Ziele in Syrien verfolgt.

Der türkische Präsident Erdogan hat das erklärte Ziel, eine ca. 20 Kilometer breite Sicherheitszone zwischen Syrien und der Türkei zu etablieren.

Damit will er den Einfluss der lokalen kurdischen Gruppen begrenzen, mit denen die Türkei seit Jahrzehnten im Konflikt liegt; vor allem über die kurdischen Bestrebungen nach einem eigenen Staat in der Region.

Amerika und die Alliierten haben die kurdischen Milizen sehr effektiv in den Kampf gegen ISIS geschickt und die Kämpfer entsprechend ausgebildet und militärisch ausgestattet – sehr zum Missfallen der Türkei.

Seit der Niederlage von ISIS strebt die Türkei nun eine regionale Dominanz im Grenzgebiet zu Syrien an, um mögliche nationalistische Bewegungen der Kurden zu verhindern.

Dazu gehören auch massive militärische Einsätze am Boden und eine zunehmende Zahl an Drohnenangriffen auf die kurdischen Milizen vor Ort.

Amerika betrachtet die Kurden als Alliierte und Verbündete – die Türkei erklärte die Gruppen offiziell zu Terror-Organisationen.

Ein jahrelanger Streit ohne klare Lösung und zum Nachteil der Zivilbevölkerung in der Region.

Israels Interesse in der Region ist vor allem Stabilität und das Eindämmen des iranischen Einflusses im Land.

Dazu gehören beständige Operationen der israelischen Luftwaffe gegen Logistik, Lager und Führungspersonal der iranischen Milizen, insbesondere gegen die Hisbollah auf syrischem Gebiet.

Israels Luftwaffe hat ganz offensichtlich keinerlei Probleme, in den syrischen Luftraum einzudringen, um gezielte Angriffe gegen die iranischen Milizen zu fliegen.

Das kann so eigentlich nur durch ein – wahrscheinlich stilles – Abkommen mit den Russen geschehen, die die Luftsicherheit über Syrien kontrollieren.

Anscheinend haben sich beide Staaten auf ein Abkommen einigen können, das Israel erlaubt, seine Sicherheitsinteressen mit Gewalt und unter der Duldung von Russland in Syrien durchsetzen zu können.

Was stellvertretend ist, für die Komplexität der Zustände im gesamten Land ist.

Die regionalen und geopolitischen Probleme Syriens bleiben weiter ungelöst

Zusammenfassung: Syrien ist kein Land in einem offenen Bürgerkrieg.

Assad und sein Regime haben den jahrelangen inneren Konflikt im Land für sich entschieden.

Das hat den Erhalt der syrischen Machtverhältnisse in den wesentlichen Zentren des Landes sichergestellt, aber nicht die regionalen und geopolitischen Probleme des Landes gelöst.

Assad konnte nur mit der Hilfe ausländischer Mächte seine Position erhalten.

Russland und Iran sind darum heute einflussreicher als jemals zuvor in Syrien.

Die Türkei und Israel verfolgen an den Grenzen des Landes ihre eigene Politik.

Und die USA befindet sich zunehmend ohne klaren Auftrag und ohne großen politischen Rückhalt als Puffer zwischen diesen Mächten im Land.

Syrien ist heute regional und politisch uneins, zersplittert und instabiler als jemals zuvor.

Es bleibt ein Schauplatz kleiner und großen Konfrontationen zwischen ausländischen Interessen und Schutzmächten und damit auch immer dem Risiko einer größeren Eskalation ausgesetzt.

Von einem „Frieden“ kann man in Syrien nicht sprechen.

Der offene Bürgerkrieg ist zwar vorbei und in regionale Spannungen und Konflikte zerfallen – doch in der Summe kann sich das langfristig als noch gefährlicher und destabilisierender für Syrien und die angrenzenden Nationen herausstellen als der zurückliegende offene Bürgerkrieg.

Photos: Copyright und Lizenz by Pixabay