Schönheit. Schmerz. Gewalt.

Am Leben zu verzweifeln. Umgeben von Schönheit und Sinnlichkeit. Mitten in der Sonne eines warmen Tages am Meer.

Dann die Faust zu erheben, um für etwas zu kämpfen, das keinen Sinn ergibt, weil am Ende doch nur der Tod wartet.

Das ist Mediterranean Noir.

Autor Thomas Lojek

Thomas Lojek lebt und arbeitet seit 10 Jahren in Spanien.

Sein neuer Krimi Mediterranean Noir erscheint 2020.

Mediterranean Noir: Leben und Sterben am Mittelmeer

Mediterranen Noir ist wie kein anderes Genre sowohl an die Schönheit wie an den Schmerz des Lebens gekoppelt.

Es ist daran gekoppelt, weil die Region, in der das Genre spielt, so funktioniert.

Das Mittelmeer ist eine Region, in der die Schönheit des Lebens auf die dunklen Abgründe unserer europäischen Kultur trifft, wie kaum an einem anderen Ort.

Erschreckende Armut und Hoffnungslosigkeit leben nicht selten direkt Seite an Seite mit den Villen der Reichen und Schönen, die alle Länder an der Küste des Mittelmeers als ihr persönliches Refugium für Entspannung und Zerstreuung ansehen.

Gewalt und Korruption prallen in den Städten Südeuropas auf das aufgeklärte Weltverständnis des modernen Europas.

Erinnerungen an Diktatur, Polizeistaat und Faschismus sind immer noch präsent. Und nicht selten sogar willkommen in breiten Teilen der Bevölkerung.

Eine Jugend ohne echte Zukunftsaussichten rebelliert dagegen an. Und verachtet die Strukturen einer längst überlebten Generation.

Oder sie streckt sich dem rechten Spektrum entgegen. Weil dort alles einfacher ist.

Ein großer Teil der jungen Menschen gibt jedoch ganz einfach auf unter der Last der Zustände und zieht sich in Drogen, Verdrängung und Kriminalität zurück.

Das alles ist für den Süden Europas kein Widerspruch. Denn, was auch immer in Südeuropa geschieht, ist untrennbar eingebettet in eine regionale Mentalität, die in sich selbst so widersprüchlich wütend wie gleichzeitig lethargisch sein kann.

Denn trotz aller Wut – am Ende liegt die Hitze des Tages über dem Leben und der Sinn nach einem Glas Wein, Gesellschaft und gutem Essen, besiegt die Widersprüche – zumindest für einen Moment. Bis das Leben wieder weitergeht. Und mit ihm die Widersprüche.

Das Leben am Mittelmeer kann so bitter wie verführerisch sein. Aber auf jeden Fall ist es komplex, schwierig und ambivalent. Und mit diesem Geschmack aus Ambivalenz und Widersprüchen arbeitet das Genre Mediterranean Noir.

Mediterranean Noir: Ein besonderes Krimi-Genre

Im Kern ist Mediterranean Noir ein Krimi-Genre.

Es verbindet Elemente des klassischen Krimi Noir mit dem Leben am Mittelmeer.

Das Genre hat in den letzten Jahren deutlich mehr Aufmerksamkeit erfahren.

Es gilt für viele Leser als attraktive Alternative zu den „Schnee-lastigen“ Krimis aus Skandinavien, die den Markt für Kriminalromane in Europa so lange dominiert haben.

Sonne, Leben, Mord in Verbindung mit Sinnlichkeit, Essen, Gewalt und einem feinen Zynismus, von dem man nie so genau weiß, ob er humoresk oder einfach nur bitter ist, rollen im Moment das Krimi-Genre auf, das nun schon so lange Zeit unter der Kälte, dem Alkoholkonsum und den ständigen Serienmörder aus dem Norden Europas leidet.

Die Sonne und die Leidenschaft auf dem Süden ist der logische Kontrast zu diesem Überangebot aus skandinavischen Krimis.

Das Genre Mediterranean Noir ist dazu noch ein hochgradig kulturelles Genre.

Denn es ist immer tief verbunden mit der gesamten Kultur der Region, in der seine Geschichten stattfinden.

Das Genre handelt vom Leben und Sterben am Mittelmeer.

Ohne die Schönheit und die Bitterkeit, die beides impliziert, wenn man das Leben am Mittelmeer gut kennt, sind seine Geschichten nicht denkbar.

Es muss die Schönheit und die Sinnlichkeit dieses Lebens ebenso in sich tragen, wie die Verzweiflung, die Wut und die Brutalität, die ein Leben in dieser Region mit sich bringen kann.

Am Mittelmeer zu leben, bedeutet von einer Schönheit des Lebens umgeben zu sein, die so überwältigend ist, das sie geradezu schmerzlich wird.

Man will hier nach dem Leben greifen, es festhalten.

Es bis in die Tiefen hinein genießen, oder einfach nur daran verzweifeln, dass es ständig weiter fließt und sich nicht aufhalten lässt.

Wie der Blick einer Frau auf der Strasse.

Wie der Geschmack des Weines am Abend.

Oder einem Moment im Spiel, in dem es um alles geht.

Worum geht es in Mediterranean Noir?

Mediterranean Noir ist im Grunde natürlich ein ganz klassisches Krimi-Genre.

Es geht immer um Mord, Gangster, Polizisten, Gewalt.

Es geht um die Aufklärung von Verbrechen oder bedrohlichen Geheimnissen.

Oder um die dunkle Seite der Stadt, die Menschen darin und ihr Leben und Sterben in den Gassen, die selbst in der Nacht noch warm sind von der Hitze des Tages.

Doch Mediterranen Noir geht einen Schritt weiter: Es legt das Verbrechen in die Seele der Menschen, die ihr Leben am Mittelmeer verbringen.

Das Leben rund um das Mittelmeer ist geprägt von Korruption, einem Hang zur Gewalt und einem typischen Zynismus.

Es ist dieser besondere Widerspruch in Ländern wie Spanien, Italien, Griechenland…

… dass Menschen umgeben von so viel Schönheit, Sommer und Sinnlichkeit, immer noch fähig sind, sich gegenseitig im hohem Maße Unrecht und Leid anzutun.

… dass ein Leben im ewigen Sommer durchaus wütend und hoffnungslos machen kann.

… dass Sterben im Sonnenschein ebenso schmerzlich ist, wie ein Leben, das sich selbst ständig darüber bekümmert, dass man seine Schönheit nicht fassen, noch jemals festhalten kann.

Es ist ein melancholisches Genre.

Aber nicht melancholisch im nordischen Sinne.

Es leidet an einem Leben in Sonnenschein und Sinnlichkeit, weil es sich so überwältigend und hitzig durch die Adern der erzählten Geschichten bewegt, wie es sich in Herzen der Menschen dieser Region hinein drängt.

Mediterranean Noir ist Widerspruch. Das Genre lebt und atmet Widersprüchlichkeit.

Weil das Leben hier am Mittelmeer zutiefst widersprüchlich ist.

Die Natur des Menschen in Mediterranean Noir

Mediterranean Noir beschreibt vor allem die Natur des Menschen sehr genau.

Es beschreibt die Menschen, wie sie wie wirklich sind: Faul, gierig, leidenschaftlich, dumm, besessen, berauscht, rücksichtslos, streitlustig, gewalttätig, gleichgültig, egozentrisch.

Es gibt in Mediterranean Noir wenig Ideale, aber viel Verzweiflung.

Und Wut.

Es wird geschwitzt, geflucht, gesessen, geliebt und gestorben.

Weil genau das die Natur des Menschen ist.

In einer Welt, die unter der Hitze des Sommers ächzt, in der ein guter Wein zu jedem Essen gehört und in der Streit und Freundschaft ganz eng beieinander liegen.

Ebenso eng wie Leben und Tod, Liebe und Hass, Aufstieg und Untergang miteinander verbunden sind.

Das Genre macht sich wenig Illusionen: Das Leben ist ein Moment. Genieße es. Genieße den Moment, den Wein, die Liebe, das Essen.

Denn die Dunkelheit wartet auf dich.

Und von dieser Dunkelheit gibt es in den Gassen des Mittelmeers mehr als genug.

Unterschiede zu Krimis aus anderen Ländern

Im Gegensatz zu Krimis aus den USA oder aus dem Norden Europas steht in diesem Genre die Lust am Leben und die Wut über die Hürden innerhalb dieses Lebens immer im Mittelpunkt.

Das Verbrechen und deren Aufklärung sind nur Mittel zum Zweck, um etwas zu beschreiben, das mehr berührt als alles andere: Die Liebe zu dieser Art von Leben an den warmen Küsten des Mittelmeers.

Das Genre genießt es ein Bild vom diesem Leben zu malen. Der Vorgang ist dabei wesentlich wichtiger als das Ergebnis der Geschichte.

Amerikanische Thriller müssen heute eigentlich immer mit einem besonderen Twist, mit einem „Big Bang“ enden.

Das Ende in einem angloamerikanischen (oder skandinavischen) Thriller sollte einen Leser völlig überrascht zurücklassen und ihm einer für ihn völlig unerwarteten Wendung ausliefern.

Nur dann gilt ein Thriller nach heutigen Maßstäben als „exzellent“, zumindest nach dem angloamerikanischen Verständnis des Genre.

In Mediterranean Noir spielt das eine eher untergeordnete Rolle.

Romane des Genres Mediterranean Noir sind nicht so abhängig von einem „großen Finale“, weil sie einen großen Teil ihrer Spannung aus dem Lebensgefühl der Protagonisten und ihrer Lebensweise beziehen.

Ein Roman-Ende im Genre Mediterranean Noir kann natürlich überraschen.

Aber die Qualität des Romans ist davon nicht unbedingt völlig abhängig.

Weil auf dem Weg zum Ende der Geschichte bereits so viel geliebt, gestritten, gelitten und gegessen wird, dass der Roman den Leser erfüllt zurücklässt.

Und diese Erfüllung funktioniert auch dann, wenn die letzten Seiten nicht den ganz großen „finalen Twist“ liefern werden, wie es ein amerikanischer Thriller in der Regel erreichen muss, um überhaupt als „lesenswert“ angesehen zu werden.

Melancholie, Lebenslust und Sinnlichkeit in Südeuropa

Die angloamerikanischen Thriller (vor allem die modernen Vertreter) sind äußert versiert darin, ein effizientes Erzähltempo zu liefern.

Sie beherrschen erzählerische Struktur und verstehen sich darauf innerhalb ihrer eigenen Regeln mit Erwartungen zu spielen, um den Leser am Ende in ein möglichst intensives Finale zu versetzen.

Den Weg zu diesem besonderen Finale gestalten amerikanische Autoren so strukturiert und effizient wie möglich. Das macht sie glatter. Effizienter. Aber auch flacher.

An die melancholische Tiefe der südeuropäischen Krimi-Autoren reichen die amerikanischen Autoren nicht heran.

Die amerikanischen Romane leiden einfach nicht auf eine Weise am Leben, wie sie eigentlich nur eine südeuropäische Seele im ewigen Sommer an den Küsten des Mittelmeeres und mit einem Glas Wein in der Hand, erleiden kann.

Raymond Chandler hätte niemals vergleichbare Romane wie die von Jean-Claude Izzo schreiben können. Und Jean-Claude Izzo hätte niemals einen echten Roman im Geiste von Raymond Chandler schreiben können.

Auch wenn beide Autoren als ganz große Verterter des Genres „Noir“ angesehen werden, sind sie innerhalb dieser Gattung dennoch weit von einander entfernt.

Ihre beiden Hauptfiguren saufen, prügeln, lieben, verzweifeln und geraten ständig in Schwierigkeiten. Aber sie leiden unterschiedlich am Leben. Ihr Ton und die Art ihres Leidens ist anders.

Nicht nur die Literatur sondern das Weltverständnis unterscheidet die beiden Autoren.

Darum ist Mediterranean Noir innerhalb des Krimi-Genres kaum vergleichbar.

Selbst wenn es die Versatzstücke und Motive anderer Genres zitiert, ist das Grundgefühl seiner Geschichten anders. Eben südländisch.

Durch diese besondere Verbindung aus Sinnlichkeit, Lebenslust, Temperament und Melancholie reicht keine andere Region von Krimis an die Literatur des Mittelmeeres heran.

Erwartungen und die Macht des Plots

Die amerikanischen und nordeuropäischen Krimis arbeiten generell sehr stark mit Erwartungen.

Und natürlich zwingt die Arbeit mit Erwartungen dann einen Autor dann auch dazu diese zu erfüllen. Und sei es darin, diese eben nicht wie erwartet zu erfüllen, sondern einen besonderen „Twist“ am Ende zu liefern.

Die südeuropäischen Autoren scheren sich im Mediterranean Noir in weiten Teilen weniger um diese populär Erwartung innerhalb des Krimi-Genres.

Mediterranean Noir ist damit innerhalb seiner Erzählweise auch sehr oft deutlich weniger diszipliniert, aber in seiner Intensität eben genau deswegen insgesamt weniger abhängig davon, dass sich alle Einzelteile in einem Roman – inklusive Struktur und Tempo – am Ende in einem „überraschenden“ Finale vereinen.

Die Autoren des Mediterranean Noir schert das alles nicht besonders, solange für Autor und Leser jede einzelne Seite intensiv mit Leben angereichert ist.

Als Leser kann man mit einem Roman aus dem Genre Mediterranean Noir eine sehr gute Zeit haben, auch wenn das Ende nicht unbedingt so atemlos und bombastisch daher kommt, wie in der amerikanischen oder nordeuropäischen Krimi-Literatur.

Diese Eigenschaft befreit damit in vielen Aspekten auch die Literatur von ihren eigenen Fesseln und führt sie weg von der Übermacht des Plots und wieder stärker hinein in eine rein sinnliche Erzählkunst.

Eine Erzählkunst, in der Literatur an sich ein emotionales Vergnügen sein kann, ohne dass Genre-Konventionen unbedingt erfüllt oder gebrochen werden müssen, um interessant und lesenswert zu sein.

Mediterranean Noir kann darüber auch mal ohne das „ganz große Finale“ als ein faszinierender und äußerst unterhaltsamer literarischer Begleiter aus dem Süden Europas funktionieren.

Während amerikanische (und mittlerweile auch deutsche) Romane dagegen so sehr um den Einfluss von Plot und Finale bemüht sind, dass sich viele Autoren darüber völlig verlieren.

Der tatsächlichen Literatur im Genre der Krimis hat das in den letzten Jahren nicht unbedingt gut getan.

Zu sehr wird auf den letzten großen Knall, den unvergesslichen Effekt, gesetzt.

So sehr, dass dabei im Bemühen darum, mittlerweile häufiger daneben gegriffen wird, als dass der gewollte Effekt den Leser dann auch tatsächlich erreicht.

Diese modernen Effekthascherei zu umgehen, ohne erzählerische Intensität einzubüßen, darin liegt die besondere Stärke des Genres Mediterranean Noir in der Literatur der Gegenwart.

Der Krimi Noir von den Küsten des Mittelmeers setzt deutlich mehr auf Sinnlichkeit und auf Erleben vor Effekt.

Und genau das war eigentlich seit jeher die Seele der großen europäischen Literatur.

Die Wut und der Sinn für Leid und Schönheit im gleichen Atemzug, den wir heute im Genre Mediterranen Noir finden, kann uns wieder vermehrt daran erinnern.

Essen und Gastronomie in Mediterranen Noir

Ohne die Leidenschaft für Essen und Gastronomie wäre Mediterranean Noir als Genre völlig unmöglich. Weil ein Leben in Spanien, Italien, Griechenland und Südfrankreich ohne Liebe zu Essen und Gastronomie unmöglich ist.

Sinnlichkeit in Essen, Wein und Gesellschaft zu finden, ist unter der Sonne des Mittelmeers so bedeutsam wie die eigentliche Geschichte eines Romans – manchmal sogar noch wichtiger.

Darum gilt eine einfache Regel für das Genre: Der beste Anhaltspunkt, um einen Roman im Genre Mediterranean Noir zu identifizieren, ist relativ einfach.

Die ultimative Regel des Genres lautet:

Hält der Protagonist regelmäßig inne, um zu essen?

Und zwar um ausführlich und genüßlich zu essen?

Voller Leidenschaft für das, was er da zu sich nimmt, weil der Moment den Genuss und die Lebensweise seines Landes repräsentiert?

Zieht er nach dem Essen sofort weiter, um sich in irgendwelche amourösen Abenteuer mit den temperamentvollen und störrischen Frauen des Mittelmeer zu verlieren?

Und gerät er am Ende selbst in Schwierigkeiten, weil die Linie zwischen Gut und Böse gar nicht so klar ist und jeder korrupt und auf irgendeine Weise schuldig ist?

Wenn du diese Aspekte in einer Geschichte findest, hältst du sehr sicher einen Roman des Genres Mediterranean Noir in deinen Händen.

Natürlich, die tatsächliche Definition des Genres ist niemals ganz so einfach.

Tatsächlich ist es relativ schwierig, die Abgrenzungen innerhalb der europäischen Krimis dann genau auf die Kategorie Mediterranean Noir festzulegen.

Doch Essen, Liebe und Korruption sind immer gute Anhaltspunkte.

Nordische Krimis sind relativ leicht zu definieren:

Es ist kalt. Meistens dunkel. Es wird häufig zu viel Alkohol getrunken. Ein Ermittler ist dem Mörder (und vor allem einem Serienmörder) auf der Spur, während sein eigenes Privatleben auseinander fällt.

In Mediterranean Noir sind die Dinge nicht ganz so einfach.

Weil in diesem Genre jeder schuldig ist.

Jeder ist korrupt. Jeder tut fragwürdige Dinge.

Die Mittel, die Polizisten und Detektive einsetzen, sind ebenso fragwürdig und oft nicht weit entfernt von den Handlungen derjenigen, die sie eigentlich ins Gefängnis bringen möchten.

Politik ist generell korrupt. Und jeder hat „Interessen“.

Genaue Abgrenzung zu Krimis, die einfach nur in Südeuropa spielen

Dennoch ist nicht jeder Krimi, der am Mittelmeer spielt, gleich ein Roman des Genres Mediterranean Noir.

Es gibt viele „Urlaub-Krimis“, in denen ein mürrischer Inspektor einen Mordfall übernimmt, Wein trinkt und nach Spuren des Verbrechens in der Sommersonne des jeweiligen Landes sucht.

Das ist nicht Mediterranean Noir.

Mediterranean Noir impliziert immer ein Scheitern.

Am Leben.

Am Leben, wie es nun einmal ist, in dieser besonderen Region der Welt.

Es impliziert Verlust, Wut, Scheitern.

Und es impliziert Gewalt und Tod als Teil der Kultur, die alle Länder am Mittelmeer vereint.

Damit bewegt sich Mediterranean Noir sehr nahe an der klassischen Tragödie.

Denn am Ende steht immer Verlust.

Zumindest ein Verlust der Unschuld, weil diese Welt nun mal korrupt, schmutzig und gewalttätig ist, auch wenn uns das nicht gefällt.

Und sind die Protagonisten fertig mit dieser ständigen Tragöde, wenden sie sich wieder dem Leben an sich zu: dem Wein, den Frauen, dem Essen, der Freundschaft und dem Genuss eines lauen Sommerabends am Meer.

Der Kontrast der Sinnlichkeit des Lebens am Mittelmeer gibt Hoffnung, selbst im Scheitern und innerhalb der Tragödie.

Deswegen sind Liebe, Essen und Wein so wichtig in Mediterranean Noir.

Ohne diese Momente wäre der Zynismus unter der Sonne dieses Genres nicht zu ertragen.

Politischer Kommentar und soziale Kritik in Mediterranean Noir

Natürlich gibt es auch Romane, die sich von diesen etwas dunkleren Konventionen des Genres entfernen.

Andrea Camilleri schrieb, bei aller Korruption in seinen Geschichten, seine Krimis mit einem sehr feinen, menschlichen Humor, der einem die Geschehnisse in seinen Büchern nicht zu schwer nehmen lässt.

Doch im Kern sind auch die milden Romane des Genres zumindest an die Auswirkungen von Korruption und dem ständigen Zynismus gebunden, dass die Dinge am Mittelmeer sind, wie sie nun mal sind.

Aus diesem Grund ist der politische Kommentar, selbst wenn er sehr verstecket ist, ein wichtiges Element des Genres.

Mediterranean Noir schreibt gegen die Korruption und die Wut an, dass Lüge, Verschleierung, Machtmissbrauch und die Gleichgültigkeit gegenüber diesen Zuständen, rund um das Mittelmeer so verbreitet sind.

Ein soziales oder politisches Statement liegt in jeder richtigen Geschichte des Genres – und sei es nur die moralische Erinnerung, dass gewisse Dinge einfach nicht richtig sind.

Der Schmutz in Mediterranean Noir liegt ganz oben, in Politik und Reichtum, oder ganz unten, in den Strassen voller Verbrecher, Nutten, Taugenichtsen und Gauner.

Die Mittelschicht der Region und um das Mittelmeer spielt kaum eine Rolle in den Romanen des Genres.

Damit grenzt es sich von vielen Romanen aus Mittel- und Nordeuropa ab, ebenso von vielen britischen und amerikanische Romanen, die in sozial sicheren bis höheren und eher akademischen Umfeldern angesiedelt sind: z.B. John Grisham, Simon Beckett, Stieg Larsson.

Mediterranean Noir geht direkt in den Schmutz der Strasse. Und in den Schmutz der Paläste. Weil eines davon das andere beeinflusst.

Es geht also auch immer um „die da oben“ und „wir hier unten“.

Das eigentliche Verbrechen in Mediterranen Noir ist sehr oft viel eher die soziale Umwelt aus Ungerechtigkeit und Korruption, in der die Geschichten stattfindet. Und die Gleichgültigkeit, mit der die Konsequenz der Gewalt und menschlicher Scheußlichkeit in den Strassen dieser Umwelt begegnet wird.

Von daher ist jeder echte Mediterranean Noir Roman auch immer ein Statement über den politischen und soziales Zustand des Landes (oder der Region), in der er spielt. Ohne dieses Element ist es kein echter Roman des Genres.

Und generell gilt: Es gibt niemanden, der eine reine Westen hat. Niemand ist unschuldig.

Frauen in Mediterranean Noir

Die Frauen in Mediterranean Noir sind wild, störrisch und schön, aber auch ebenso rücksichtslos und grausam, wenn es sein muss. Sie folgen ihrer eigenen Agenda, selbst wenn das ihre Männer um Kopf und Kragen bringt.

Und Männer in dem Genre sind wirklich sehr leichte Opfer für die Frauen dieser erzählerischen Welt, weil sie entweder ausgesprochen einfältig in ihrem Denken und Handeln sind, oder sie sich den Reizen der Frauen einfach nicht entziehen können.

Weil das in diesem Teil der Welt so nicht vorgesehen ist.

Der Reiz der Verführung und ihr nachzugeben, selbst im Wissen des eigenen Untergangs, ist viel zu essentiell für die Lust am Leben in den Romanen von Mediterranean Noir, dass ihr einfach nachgegeben werden muss.

Und so taumeln die Männer im Mediterranean Noir begeistert in ihren eigenen Untergang, weil die dunklen Augen der Frauen am Mittelmeer diesen Untergang wert sind.

Über Konsequenzen wird generell kaum nachgedacht.

Denn was macht das alles schon aus, auf dem Weg zwischen einem weiteren Glas Wein, einer weiteren Nacht mit einer schönen Frau und dem nächsten Bündel Geldscheine, das man sich von irgendwoher schon beschaffen muss, damit das Leben, die Liebe und das Essen weitergehen können?

Es ist eine körperliche, zynische und emotional aufgeheizte Welt, in der jeder seinen Vorteil sucht und sich gleichzeitig Menschen ständig gegenseitig auf die Schulter klopfen, weil sie im Grunde alle Wein, Weib und Gesang gleichsam lieben.

Und die Frauen dieser Welt wissen das.

Mit Sinnlichkeit, Genuss und Leidenschaft legen sie ihren Bann über ihre Männer, so dass diese gar nicht so genau verstehen (oder nicht verstehen wollen), was ihnen geschieht, bis sie in das Messer ihres Widersachers rennen, in die Arme der Polizei oder in die bittere Lektion, dass gemeinsame Nächte nicht unbedingt Loyalität im Leben bedeuten müssen.

Gewalt gegen Frauen ist ein deutliches Motiv im Genre.

Häusliche Gewalt, Prostitution, Mord aus Leidenschaft, Verbrechen an Frauen für Geld, aus Ehre oder perfidem Sadismus sind Teil des Mediterranean Noir.

Doch Vorsicht: Aus einem Opfer wird in diesem Genre schnell eine Täterin, zumindest über die Macht der Manipulation und darin für ihre Rache willige Helfer in Form von hörigen Männern zu finden.

Frauen in dem Genre sind komplex und kompliziert und niemand ist vor ihnen sicher – ganz im Sinne der Regel: Alle sind korrupt, niemand ist unschuldig im Mediterranean Noir.

Frauen sind also keine „einfachen Opfer“ oder „Damsel in Distress“.

Jeder Protagnoist in Mediterranean Noir sollte sich hüten vor der heimlichen Agenda einer Frau in seiner Geschichte oder vor ihrer Fähigkeit sich zu rächen – mit allen Mitteln, die einer südländischen Frau von Schönheit und Temperament und unbeugsamen Willen zur Verfügung stehen.

Das liefert einige der interessantesten Frauenfiguren der europäischen Literatur.

Und einige der bittersten Fallen, in dem die leichtgläubigen und naiven Männer des Genres tappen können.

Vor allem, wenn sich die Männer in der Annahme verschätzen, dass Sinnlichkeit und Lebenslust einer Frau, nicht zwangsläufig deren Agenda tangieren, so wie Männer es oft unterläuft.

Literarische Bedeutung und Zukunft von Mediterranean Noir

Die Summe dieser Akzente und Besonderheiten macht Mediterranean zu einem interessanten Genre, mit dem man in den nächsten Jahren sicherlich rechnen muss.

Die Komplexität seiner Themen und die Leidenschaft seiner Protagonisten, stellen eine faszinierende Alternative zu den glatten amerikanischen Krimis gewohnter Machart dar, ebenso wie zu den kalten Krimis aus dem Schnee der skandinavischen Ländern.

Mediterranean Noir ist schmutzig, ambivalent, leidenschaftlich und sozial wütend.

Das wird es für die nächsten Jahre zu einem der abwechslungsreichsten und forderndsten literarischen Genres in Europa machen.

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